Syrer fliehen vor IS-Terroristen aus Ain Al-Arab
Eine Geisterstadt vor dem Fall

Ein syrisches Kind harrt mit seinem Vater an der Grenze der Türkei nahe der Stadt Sanliurfa aus, im Hintergrund türkische Polizeikräfte. Vor allem aus der syrischen Grenzstadt Ain Al-Arab sind fast alle Bewohner vor dem IS-Terror geflohen - der Stadtrand ist nur 60 Meter vom Schlagbaum entfernt. Bild: dpa
 

Ain Al-Arab war vielen Syrern für lange Zeit ein sicherer Hafen im Bürgerkrieg. Nun fliehen die Menschen panisch vor den anrückenden IS-Terroristen. Die kurdische PKK erklärt die Verteidigung der fast völlig verlassenen Stadt zur Frage der Ehre. Die Situation in der Türkei wird nicht nur dadurch immer brisanter.

Die Terrormiliz IS rückt im Norden Syriens immer näher an die Türkei heran. Die Folgen bekommt der Nato-Partner immer deutlicher zu spüren. Vize-Ministerpräsident Numan Kurtulmus sagte am Montag, alleine seit der Grenzöffnung am Freitag seien mehr als 130 000 Menschen in die Türkei geflüchtet. Zum Vergleich: Deutschland hat bislang die Aufnahme von 20 000 Syrern zugesagt. Mehr als 1,3 Millionen Flüchtlinge vor allem aus Syrien haben inzwischen in der Türkei Zuflucht gesucht. Die Zahl nimmt zu, je weiter der IS vorrückt.

Inzwischen stehen die Terroristen fast vor den Toren der syrischen Grenzstadt Ain al-Arab, die die kurdischen Bewohner Kobane nennen. "Der Ort ist wie eine Geisterstadt", sagt Rami Abdel Rahman von der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte.

Mehr als 150 000 Menschen seien seit vergangener Woche vor allem in die Türkei geflohen. Ein von der kurdischen Nachrichtenseite "Welati" zitierter Anwohner sagt, zurückgeblieben seien vor allem bewaffnete Männer, die sich in ihren Häusern verschanzten.

In einem Blitzangriff hatte die Miliz in der vergangenen Woche mehr als 60 vor allem kurdische Dörfer rund um Ain al-Arab eingenommen. Die Kurdin Havaron Sharif von der Syrischen Nationalen Koalition sagt, im Osten stünden die Terroristen nur noch 8 Kilometer vor Ain al-Arab, im Westen 12 Kilometer und im Süden 15 Kilometer. Nur im Norden ist Ain al-Arab durch die türkische Grenze geschützt. Vom letzten Haus der Stadt bis zum Schlagbaum sind es rund 60 Meter. 60 Meter, die schon bald einen Bürgerkrieg von einem sicheren Zufluchtsort trennen können.

Letzter Zufluchtsort

Lange Zeit galt Ain al-Arab als Oase im syrischen Bürgerkrieg. Kurdische Bürgerwehren hatten die 50 000-Einwohner-Stadt beschützt und gemeinsam mit zwei weiteren kurdischen Städten zur Enklave erklärt. Vom Krieg des Regimes von Baschar al-Assad gegen dessen Gegner schien die Stadt unberührt. Selbst Syrer aus dem Landesinneren kamen in die Region, um Schutz vor dem Bürgerkrieg zu suchen. Rund 200 000 sogenannte Binnenflüchtlinge sollen sich nach UN-Angaben zuletzt dort aufgehalten haben. Die IS-Terrormiliz hat in der Stadt Al-Rakka rund 110 Kilometer südlich von Ain al-Arab einen Stützpunkt errichtet. Und die Extremisten kontrollieren bereits zwei Grenzorte zur Türkei östlich und westlich von Ain al-Arab.
Die Kurden ziehen ihre Kämpfer nun bei Ain al-Arab zusammen, um zu vermeiden, dass die Stadt an die Dschihadisten fällt. Die in der Türkei verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK rief am Montag alle Kurden zum Kampf gegen den IS auf. "Wenn wir heute nicht widerstehen können, wann werden wir je widerstehen können?", hieß es in der Mitteilung. "Jetzt ist die Zeit, unsere Ehre zu verteidigen." Wen die PKK hinter der Terrormiliz vermutet, daraus macht sie keinen Hehl: Sie verdächtigt die türkische Regierung, die Dschihadisten zu unterstützen.

Bei der Regierung in Ankara, die bereits mit der Flüchtlingskrise zu kämpfen hat, dürften solche Aussagen große Sorge hervorrufen. Eigentlich bemüht sich die islamisch-konservative Regierungspartei AKP um einen Friedensprozess mit der PKK, die im vergangenen Jahr einen Waffenstillstand erklärte. Am Sonntag gingen in Istanbul bereits Tausende Anhänger linker und kurdischer Gruppen auf die Straße. An der Spitze des Demonstrationszuges trugen ältere Frauen in traditioneller kurdischer Kleidung ein Transparent, und auf dem zu lesen stand: "Mörder IS, Kollaborateur AKP!"
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