Syrien-Krieg
Assad will Aleppo säubern

Am Samstag veröffentlichte die staatliche syrische Nachrichten-Agentur Sana das Bild vom Interview des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad mit der russischen Zeitung " Komsomolskaya Pravda". Darin fordert er eine Säuberung Aleppos. Bild: dpa/Sana

Kann Diplomatie Syrien Frieden bringen? Am Genfer See haben sich die USA erneut darum bemüht. Diesmal nicht allein mit Russland. Auch regionale Mächte waren dabei. Das Ergebnis ist dürftig.

Lausanne/Damaskus. Auf der Flugroute des amerikanischen Außenministers zu neuen Syrien-Gesprächen in der Schweiz lag eine Station mit zutiefst tragischer Symbolik: Im Völkermordmuseum von Kigali, der Hauptstadt Ruandas, verbeugte sich John Kerry vor den mehr als 800 000 Toten des Genozids in diesem ostafrikanischen Kleinstaat. 1994 wurden die Menschen - zumeist Angehörige des Tutsi-Volkes - in einer Gewaltorgie innerhalb von 100 Tagen umgebracht. US-Präsident Bill Clinton erklärte Jahre später, er bedauere, nicht genug getan zu haben, um das zu verhindern.

Gut 22 Jahre danach standen am Wochenende zunächst in Lausanne und später in London ein anderes Massenmorden auf der Tagesordnung: Dem Krieg in Syrien sind innerhalb von fünf Jahren mehr als 400 000 Menschen zum Opfer gefallen. Die Bilder des Leidens und Sterbens in Aleppo sind ebenso unerträglich wie jene vom Völkermord in Ruanda. Einmal mehr versuchte es der 72-jährige Kerry daher mit Diplomatie. Vor einer Kulisse, die - gemessen an den Grausamkeiten in Syrien - wie Hohn wirkte: Die Sonne schien über die Alpen und spiegelte sich im Genfer See sowie auf der fahnengeschmückten Fassade des prächtigen Hotels Beau-Rivage Palace.

Sprungbrett für Eroberung


Noch vor den Gesprächen in Lausanne hatte der syrische Präsident Baschar al-Assad im Interview mit der russischen Zeitung "Komsomolskaja Prawda" seine Sicht auf die Belagerung Aleppo ausgebreitet. "Man muss dieses Gebiet säubern, und die Terroristen müssen zurück in die Türkei gedrängt werden, wo sie herkommen, oder sie müssen getötet werden." Es gebe keine andere Möglichkeit. Aleppo sei ein sehr wichtiges Sprungbrett, "um die anderen Orte von den Terroristen zu befreien".

2015 gelang in dem Hotel in Genf der Durchbruch zu jenem Abkommen mit Teheran, das den Streit um das iranische Atomprogramm beilegte. Dabei hatten Kerry und sein russischer Amtskollege Sergej Lawrow Schlüsselrollen - und Erfolg. Doch im Syrien-Konflikt ist den beiden Außenministern der Welt bisher kein Durchbruch gelungen. Auch nicht in der erweiterten Runde in Lausanne. Nach knapp fünf Stunden gingen die Beratungen ohne Einigung zu Ende.

Immerhin habe man sich dafür ausgesprochen, dass "der politische Prozess" für eine Beendigung des Syrien-Krieges "so bald wie möglich beginnen soll", sagte Lawrow. "Es gab einige Ideen, die besprochen worden sind und von Ländern vorgebracht wurden, die wirklich Einfluss auf die Situation haben." Ähnlich äußerte sich Kerry. US-Diplomaten verwiesen zudem darauf, dass es demnächst wohl weitere Beratungen über eine politische Lösung im erweiterten multilateralen Kreis geben könne.

Neue Ideen ohne Hoffnung


Ob die "neuen Ideen", über die Kerry am Sonntag in London Regierungsvertreter Großbritanniens, Frankreichs und Deutschland informierte, auch zu einer Wiederannäherung zwischen dem Weißen Haus und dem Kreml führen bleibt abzuwarten. Skepsis scheint angebracht. Immer stärker sind die USA und Russland in den letzten Wochen auseinander gedriftet. Immer stärker baute Russlands Präsident Wladimir Putin die militärische Unterstützung für seinen syrischen Verbündeten, Präsident Baschar al-Assad, aus.

Offen wird den Russen in den USA eine Mitschuld an Kriegsverbrechen der syrischen Luftwaffe bei deren gnadenlosen Bombardierungen von Aleppo vorgehalten.

Das syrische ElendIm Syrien-Krieg kamen nach UN-Schätzungen bisher mehr als 400 000 Menschen ums Leben. Der Bürgerkrieg zählt damit zu den opferreichsten Konflikten seit 1945. Jeder zweite Syrer hat das Land verlassen oder ist als Binnenflüchtling an einen anderen Ort im Land geflohen. Allein die Nachbarländer Türkei, Libanon und Jordanien haben zusammen rund 4,4 Millionen Flüchtlinge aufgenommen.

Seit Beginn des Konflikts 2011 sank die statistische Lebenserwartung nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO um zehn Jahre, bei Männern sogar um dreizehn Jahre. Die Versorgung der bis heute geschätzt zwei Millionen Verletzten wird immer schwieriger. Mehr als die Hälfte aller Kliniken in Syrien sind beschädigt oder geschlossen.

Die Wirtschaftsleistung des Landes fiel auf etwa ein Drittel im Vergleich zum Jahr 2010. Vor dem Krieg hatte Syrien mit 14,9 Prozent eine Arbeitslosenrate wie Kroatien. Nun ist jeder zweite Syrer ohne Job, und 67 Prozent der Bewohner leben von weniger als 1,25 Dollar (1,13 Euro) pro Tag. (dpa)
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