Taliban auf dem Vormarsch
Afghanistan versinkt in Gewalt

Afghanische Sicherheitskräfte bergen nach einem Selbstmordanschlag verletzte Opfer in Lashkar Gah in der Provinz Helmand. Archivbild: dpa

Die Taliban stürmten Kundus, Friedensgespräche kollabierten, die Nato stoppte ihren Truppenabzug. 2015 war wieder ein katastrophales Jahr für Afghanistan - und das nächste verspricht kaum besser zu werden.

Kabul. Mohammad Rassuljar war so verzweifelt, dass er den Hilferuf öffentlich machte. "Während ich dies schreibe, steht Helmand vor dem Kollaps! Herr Präsident Ghani, es ist dringend erforderlich, dass Sie hierherkommen", schrieb der stellvertretende Gouverneur der Provinz Helmand auf seine Facebook-Seite. Innerhalb weniger Minuten erreichte sein Flehen die afghanischen, dann die internationalen Medien.

Seitdem ist klar: Die afghanischen Sicherheitskräfte verlieren einen weiteren Kampf gegen die Taliban. Im September hatten diese bereits das Zentrum der Nordprovinz Kundus für einige Tage in ihrer Gewalt - bis zu dem Zeitpunkt der größte militärische Erfolg der Aufständischen. Helmand aber wäre ein noch weit größerer. Die Provinz ist das Zentrum von Drogenanbau und Opiumhandel in Afghanistan. Wer hier herrscht, hat Zugang zu Milliardeneinnahmen.

Noch am Sonntag fiel das Zentrum des Bezirks Sangin. Damit sind nun fünf von Helmands 15 Bezirken unter der Kontrolle der Islamisten. In zwei weiteren halten Regierungstruppen nur noch das Zentrum.

Gleich am Montag ein weiterer Schlag: Ein Selbstmordattentäter der Taliban zündete einen Sprengsatz inmitten einer Fußpatrouille von internationalen und afghanischen Polizisten und Soldaten. Sechs Soldaten starben.

Der neue Präsident des Landes, Aschraf Ghani, hatte Besserung versprochen: Sicherheit, Schutz der Menschenrechte, Regierungsführung. Aber dann dauerte es allein sieben Monate, bis im April 2015 das Kabinett vollständig war. Oder besser: fast vollständig. Einen Verteidigungsminister hat das Land im Kriegszustand immer noch nicht. Das Parlament hat bisher alle Kandidaten abgelehnt. Der letzte abgelehnte Bewerber, Massum Staneksai, amtiert nun einfach illegal.

Erfolge hatte diese Regierung 2015 nur wenige aufzuweisen. Der wichtigste: Aschraf Ghani schaffte es, das Verhältnis zu den Amerikanern, die Ex-Präsident Hamid Karzai gründlich verärgert hatte, zu reparieren. Die Folge: Der Nato-Beschluss, den Abzug aus Afghanistan zu stoppen und 12 000 Soldaten im Land zu lassen - Bundeswehr inbegriffen.

"Das wird aber nicht dabei helfen, die Talibanangriffe auf den Staat in der Fläche zu verringern", warnt der Direktor der Friedrich-Ebert-Stiftung in Afghanistan, Alexey Yusupov. Allenfalls könnten große Städte vor dem Fall bewahrt werden, wenn sie akut bedroht würden.

Das Kampfmandat der Nato lief Ende 2014 sowieso aus. Und von den 12 000 Soldaten, die nun bleiben, wird der Löwenanteil mit der Verwaltung des Einsatzes beschäftigt sein. Deutschland zum Beispiel wird nächstes Jahr 980 Soldaten in Afghanistan behalten, aber nur ein Bruchteil von ihnen wird afghanische Streitkräfte beraten.

Gleichzeitig hieß es im Herbst aus afghanischen Regierungskreisen, 180 der etwa 400 Bezirke im Land seien entweder umkämpft oder unter der Herrschaft der Taliban. Die Zahl der zivilen Opfer hat einen Rekordstand erreicht. Allein in der ersten Jahreshälfte wurden nach UN-Angaben 1592 Zivilisten getötet und 3329 weitere verletzt. Ein Viertel der Opfer waren Kinder. All dies verstärkt nur den Willen vieler Afghanen, ihr Land Richtung Europa zu verlassen.

Besser Kalifat als tot?


Es verstärkt die Wut auf das Versagen der Regierung. Und damit die Radikalisierung von Teilen der Bevölkerung. "Vor allem unter den gebildeten, jungen Afghanen suchen viele nach Alternativen", sagt Borhan Osman, Extremismusexperte des Afghanistan Analysts Network. "Sie fragen sich, ob Afghanistan als islamisches Kalifat fairer mit ihnen umgehen würde."

Die Radikalisierung spiele sich vor allem an den Universitäten ab. Die Gruppen seien noch klein, wüchsen aber rasch. Der Demokratieversuch versage, fänden diese jungen Afghanen. Sie sähen keine Sicherheit für ihre Familien und immer weniger Chancen auf Bildung und Arbeit.

Schwerster Angriff des JahresBeim schwersten Anschlag auf ausländische Truppen seit dem Ende des Nato-Kampfeinsatzes in Afghanistan sind sechs internationale Soldaten getötet worden. Drei weitere seien bei dem Vorfall nahe der US-Militärbasis Bagram in der Provinz Parwan verletzt worden, sagte der Sprecher der Nato-Mission Resolute Support, Michael Lawhorn. Der Leiter des Bezirks Bagram, Abdul Schakur Kundusi, sagte, unter den Opfern seien Amerikaner, aber auch Europäer. Der Attentäter sei im Dorf Bajauri mit seinem Motorrad in eine afghanisch-amerikanische Fußpatrouille gefahren und habe einen Sprengsatz gezündet. Die Taliban bekannten sich zu dem Anschlag. Insgesamt kamen in diesem Jahr fast 30 Mitglieder der Nato-Mission in Afghanistan ums Leben, mehr als ein Drittel bei Helikopter- und Flugzeugabstürzen. Die Kampfmission der Nato endete Ende 2014. Seither sind ausländische Truppen, darunter derzeit auch Soldaten der Panzerbrigade 12 "Oberpfalz", zu Ausbildungszwecken im Land. (dpa/nt/az)
Sie fragen sich, ob Afghanistan als islamisches Kalifat fairer mit ihnen umgehen würde.Extremismusexperte Borhan Osman
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