Tausendfache Leidenswege

Viele Migranten aus Syrien, Irak und Afghanistan erreichen die Balkanstaaten über das EU-Mitglied Griechenland. Über Mazedonien und Serbien und Ungarn versuchen sie zumeist nach Westeuropa zu gelangen. Bild: dpa

Die serbische Hauptstadt Belgrad ist der Dreh- und Angelpunkt für Bürgerkriegsflüchtlinge auf ihrem Weg nach Deutschland. Tagtäglich spielen sich dort menschliche Tragödien ab.

Mittagszeit im Belgrader Park zwischen Bahnhof und zentraler Busstation. Das Thermometer steigt auf fast 40 Grad. Im Schatten der alten Bäume hocken und liegen tagtäglich Hunderte. Es sind Flüchtlinge aus den Bürgerkriegen in Afghanistan und Syrien. Nach wochen-, manchmal monatelangem Horrortrip aus ihrer Heimat sind sie in der serbischen Hauptstadt angekommen. Und müssen gleich weiter. Mit dem Bus oder zu Fuß - über Dutzende oder noch mehr Kilometer. Nur weg. In Richtung Ungarn, dann nach Österreich und Deutschland.

Die Gruppe von Abduldschabar Melhem umfasst 26 Personen und kommt aus dem syrischen Aleppo. Der Agraringenieur will in die Niederlande, obwohl er dort niemanden kennt und überhaupt keine Ahnung hat, was ihn dort erwartet. "Bei uns ist alles schrecklich", lautet seine schlichte Begründung für die Flucht. Alle zwölf Tage habe es einen Tag lang Wasser gegeben, manchmal hätten sie einen Monat darauf verzichten müssen, erzählt der 37-Jährige. "Von Strom konnten wir nur träumen." Nicht die geringste medizinische Hilfe stehe zur Verfügung.

Ausgelaugt und erschöpft

Es ist trotz der Flüchtlinge gespenstisch ruhig im Park in der Belgrader Unterstadt. Die Menschen wirken ausgelaugt, erschöpft. Doch wenn man sie nach ihrem Ziel fragt, sprudelt es mit breiten Lachen heraus: "Germany. Germany!" Alle haben ohne Ausnahme eine regelrechte Höllenfahrt hinter sich, wie die beiden afghanischen Studenten Jan Wiran Kobani (24) und Mustafa Umar (30). Mit 50 Flüchtlingen schafften sie die Überfahrt vom türkischen Izmir auf die griechische Insel Lesbos. Und mussten wie Tausende andere zwischen 1000 und 2000 Dollar für die kurze Passage auf klapprigen Rettungsbooten lockermachen.

Mohammed Chiecho kommt mit seiner 20-köpfigen Familie aus dem kriegszerstörten syrischen Kobane an der Grenze zur Türkei. Auch sie landeten nach quälend langen Fußmärschen über Istanbul auf Lesbos. Auch für sie ging die Transitroute weiter über Athen, Mazedonien und Serbien. Fast jeder hier hat eine Geschichte zu erzählen. Von Misshandlung und Abzocke durch Polizisten, Besitzer von Absteigen, Taxifahrer und Bootseigner sowie Behörden. Ungewöhnliches habe sich in Serbien ereignet, erzählen viele. Die Bevölkerung sei ihnen freundlich entgegengekommen und habe Hilfen angeboten, obwohl sie selbst arm sei.

Der Englischlehrer hat durch Krankheit sein Augenlicht verloren. "Ich hoffe auf medizinische Hilfe in Deutschland. Wir sind dem Tod zu Hause nur knapp entkommen", erzählt Chiecho mit leiser Stimme. "Meine Kinder sollen studieren und sicher leben", so lautet sein Lebenstraum: "Die meisten von uns hier haben die gleiche Vorstellung." Der 49-Jährige habe einen Vorteil, wie er stolz erzählt: Seine Schwester lebe bereits in Mecklenburg.
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