Todesangst an der Bushaltestelle

Im Osten Jerusalems hat ein mutmaßlicher Attentäter an einer Bushaltestelle zwölf Fußgänger überfahren und schwer verletzt. Bild: dpa

Die Stimmung in Jerusalem ist explosiv. Schon drei Mal binnen zwei Wochen haben Palästinenser mit ihren Fahrzeugen Menschen überfahren - mutmaßlich absichtlich. Israelis sprechen von einer "Auto-Intifada".

Nervös und misstrauisch mustern Passanten in Jerusalem dieser Tage den Autoverkehr. An Haltestellen von Bussen und Bahnen verstecken sich manche hinter den Wartehäuschen. Sie linsen dahinter hervor, bis ihr Bus oder ihre Straßenbahn hält. Denn schon drei Mal haben Palästinenser in den vergangenen zwei Wochen Israelis überfahren, mutmaßlich absichtlich.

Am 22. Oktober rammte ein Palästinenser Wartende an einer Straßenbahnhaltestelle in Jerusalem. Am Mittwoch fuhr ebenfalls ein Palästinenser in mehrere Menschengruppen. Am selben Abend erfasste ein Kleinbus im Westjordanland drei israelische Soldaten. In sozialen Netzwerken hat die Anschlagswelle bereits einen Namen: "Auto-Intifada". Bisher starben drei Israelis und 22 wurden verletzt. Auch zwei der Fahrer wurden erschossen, der dritte stellte sich.

Ängstliche Blicke

Der ängstliche Blick zur Straße - er könnte der Vorbote einer neuen Intifada, eines Palästinenseraufstandes sein. Auch bei der letzten Intifada in den Jahren 2000 bis 2005 gab es eine typische Blickrichtung. Damals schauten viele Menschen ständig Richtung Boden, wenn sie einkauften oder am Bahnhof standen. In jeder herrenlosen Tasche konnte eine Bombe versteckt sein. Im Café setzten sich viele in die hinterste Ecke. Der Blick richtete sich dann auf den Eingang, in der Hoffnung, ein Attentäter würde dort von einem Sicherheitsmann gestoppt. In diesen Jahren starben in Israel und den Palästinensergebieten mehr als 1500 Israelis, fast 3600 Palästinenser wurden getötet. Befeuert wird der Konflikt jedoch von einem Muslimen und Juden heiligen Ort: dem Tempelberg. In den schmalen Gassen der Jerusalemer Altstadt ist aus den Gesprächen zwischen Händlern und Kunden immer wieder ein Wort herauszuhören: "Al-Aksa". Die Moschee liegt im Osten der Jerusalemer Altstadt, an einem Ort, den Juden den Tempelberg nennen. Für Muslime ist es der "Haram el-Scharif", Edles Heiligtum. Juden dürfen nur an der Klagemauer unterhalb der Anhöhe beten - nicht aber auf dem Gelände selbst.

Einige radikal-religiöse jüdische Nationalisten wollen das ändern. Mehr noch: In ihrer Vision von Jerusalem sollen die muslimischen Heiligtümer vom Tempelberg verschwinden. Stattdessen soll dort ein neuer, ein dritter Tempel entstehen. Der zweite Tempel wurde im Jahre 70 zerstört. Ein jüdischer Aktivist, der genau dies fordert, wurde vergangene Woche von einem Palästinenser niedergeschossen.

Dennoch kommen Juden auf den Tempelberg, erkennbar an ihrer Kopfbedeckung, der Kippa. Sie werden begleitet von den Rufen der Palästinenser, die sich dort versammeln: "Allahu Akbar", Gott ist groß, hallt es über den Platz. Israelische Sicherheitskräfte beobachten angespannt die Szenerie.

"Die müssen weg"

Unweit des Tempelbergs kauft Ramsi, ein Palästinenser aus Ostjerusalem, gerade ein. Ob er glaubt, dass es zu einem neuen Palästinenseraufstand kommen wird? "Ich kann es mir vorstellen", sagt der Bankangestellte. Dann zeigt er auf vier israelische Soldaten: "Die müssen weg. Die Besatzung muss aufhören."

Der Blick auf die Straße

Liora dagegen, eine 26-jährige israelische Studentin, hofft, dass die Polizisten in Jerusalem sie schützen können. "Hier sind mittlerweile so viele Sicherheitskräfte." Liora steht an einer Straßenbahnhaltestelle, während sie das sagt. Sie wartet auf die Bahn. "Aber ein oder zwei Anschläge wird es bestimmt noch geben", sagt Liora und blickt auf die Straße.
Weitere Beiträge zu den Themen: Politik (7296)Jerusalem (68)November 2014 (8193)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.