"Tornado"-Aufklärer starten zu ersten Flügen über IS-Gebiet
Spähen für andere

Ein "Tornado" des Taktischen Luftwaffengeschwaders 51 "Immelmann" landet auf der Luftwaffenbasis von Incirlik in der Türkei. Von dort aus starten seit Freitag auch die "Tornado"-Aufklärer. Bild: Bundeswehr/Falk Bärwald/dpa

Bundeswehr-"Tornados" klären jetzt Stellungen der Terrormiliz IS auf. Deutschland dürfte damit stärker ins Visier der Terroristen geraten. Brisant könnte werden, dass die Türkei Zugriff auf Aufklärungsdaten bekommt: Ankara sind die Kurden-Milizen in Syrien ein Dorn im Auge.

Istanbul. Das deutsche Engagement im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat eine neue Dimension erreicht: Am Freitag starteten vom türkischen Luftwaffenstützpunkt Incirlik aus erstmals Bundeswehr-"Tornados" zu Aufklärungsflügen über dem IS-Gebiet in Syrien und dem Irak. Nach knapp drei Stunden die erleichternde Nachricht: Die beiden "Tornados" sind ohne Zwischenfälle von der gefährlichen Mission zurückgekehrt. Auch wenn die Bundeswehr nicht selbst bombardiert: Deutschland dürfte durch das Engagement stärker ins Visier der IS-Terroristen geraten.

Nicht ungefährlich


Vier "Tornados" sind seit Dienstag in Incirlik. Insgesamt sollen von Mitte Januar an sechs der deutschen Aufklärungsjets von der türkischen Basis aus für die Anti-IS-Koalition im Einsatz sein. Dass die Mission trotz aller Vorkehrungen gefährlich werden kann, zeigt der Fall des jordanischen Kampfpiloten Muas al-Kasasba. Er war Ende 2014 über der IS-Hochburg Al-Rakka im Norden Syriens abgestürzt. IS-Milizen verbrannten den 26-Jährigen bei lebendigem Leibe - und veröffentlichten die Gräueltat als Video im Internet. Der Einsatz gegen den IS ist nicht der erste der "Tornados" in einem Konfliktgebiet. Von 2007 bis 2010 flogen die deutschen Aufklärer über Afghanistan, was damals heftige Debatten auslöste. Aus den internationalen Truppen gab es Kritik, dass Deutschland nur aufklären, nicht aber selber Taliban-Ziele angreifen wolle. Kritiker in der Bundesrepublik befürchteten dagegen, die Aufnahmen der "Tornados" könnten für Bombenangriffe durch andere Nationen genutzt werden. Inzwischen ist die Sensibilität für solche Bedenken in Deutschland gesunken.

Zwar ist es nun in Syrien und dem Irak wieder so, dass die Deutschen aufklären und andere Mitglieder der US-geführten Koalition die Bomben werfen. Die Bundeswehr benennt das diesmal aber zumindest klarer als damals am Hindukusch. "Die Aufklärungsziele sollen dem Kampf gegen den IS dienen. Sie dienen natürlich auch als mögliche Ziele für weitere Operationen", sagt ein Bundeswehr-Sprecher. Noch deutlicher formuliert es ein deutscher Sicherheitsexperte, der ungenannt bleiben möchte. "Wir machen da ja keine Landvermessung", sagt er. "Wir liefern Zieldaten für andere, damit die etwas draufwerfen."

Nicht die Kurden das Ziel


Wie in jedem Krieg treffen auch in Syrien die Bomben nicht immer die beabsichtigten Ziele. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte meldete, bei einem Luftangriff der US-geführten Koalition am Donnerstag seien acht Kinder und drei Frauen getötet worden. Für politische Brisanz könnte sorgen, dass Aufklärungsdaten auch der Türkei zugänglich gemacht werden. Die Türkei betrachtet die kurdischen Volksschutzeinheiten (YPG) in Nordsyrien als Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Die türkische Luftwaffe greift PKK-Stellungen in der Südosttürkei und im Nordirak immer wieder an. Westliche Staaten sehen in den Kurden-Milizen dagegen die dringend benötigten Bodentruppen gegen den IS - die sonst niemand stellen möchte.

"Was Aufklärungswert hat, wird an alle Partner weitergegeben", sagt der Bundeswehr-Sprecher. "Das, was von Nutzen ist, wird in die Datenbank der Anti-IS-Koalition eingespeist. ... Es gibt keinen Grund dafür, dass die Türkei bestimmte Bilder nicht sehen darf." Die Türkei sei schließlich auch Nato-Partner. Der Sprecher betont allerdings: "Nicht die Kurden sind Ziele, sondern der IS." Der deutsche Sicherheitsexperte warnt dennoch: "Wir dürfen bloß nicht in die Situation kommen, dass wir den Türken Informationen im Kampf gegen die Kurden geliefert haben."
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