Trauer nach dem Massaker in Orlando
Mitten ins Herz

Nach dem Massaker in Orlando gibt es weltweite Trauer und Solidarität, wie hier im australischen Sydney. Bild: dpa

Schon kurz nach dem Massaker im Schwulenclub "Pulse" überschlagen sich die Spekulationen über die Motive des Täters. So mancher hat sich bereits eine feste Meinung gebildet. Andere trauern nur.

Orlando. Wer die Namen der Toten finden will, muss nicht lange suchen. Eine Liste mit den Opfern steht im Internet; die Schicksale dahinter erzählt sie nicht. Alle auf der Liste eint, dass sie in der Nacht zu Sonntag in einem Club in Orlando feierten, als ein Mann dort das wohl grausamste Blutbad eines Einzeltäters in der Geschichte der USA anrichtete.

Rob Domenico fürchtet sich davor, auf die Liste zu schauen. "Ich habe Angst, dass jemand drauf steht, den ich mag", sagt der zierliche Mann traurig. Der 40-Jährige sitzt am Montag nach der Tat in einem Zentrum für Schwule und Lesben in Orlando. Der Tatort liegt nicht weit entfernt. "Gestern waren wir beherrscht, heute sind all unsere Herzen gebrochen", sagt er.

Er selbst war schon oft im "Pulse", brachte sogar einmal seine 66-Jährige Mutter dort hin. Der Club ist überaus beliebt in Orlando, immer voll, besonders an diesem Samstagabend. Schließlich ist Juni der "Gay Pride Month", in dem Schwule, Lesben, Bi- und Transsexuelle (LGBT) die Fortschritte feiern, die sie nach langen Jahren gesellschaftlicher Diskriminierung erreicht haben.

Spenden stapeln sich


"Es ist einfach ein Ort, an dem man Spaß haben kann", sagt Domenico. Als der Todesschütze Omar Mateen im Club das Feuer eröffnete, schlief er. Ein Anruf seines Mannes weckte ihn, er fuhr los. Seitdem ist er unermüdlich auf den Beinen. Rund 200 Freiwillige boten ihre Hilfe an. In den hinteren Räumen des Gebäudes stapeln sich Wasserflaschen, Keks- packungen, Brot. Alles Spenden. "Wir haben so viele bekommen, dass wir einen Teil zur Blutbank gebracht haben", sagt Robert Carner, ein Helfer. Der 53-Jährige ringt um Fassung, als er erzählt, wie zwei kleine Kinder tags zuvor Selbstgebackenes vorbei brachten. "In diesem Moment konnte ich nicht an mich halten."

Die LGBT-Community in Orlando sei akzeptiert, stehe aber am Rand, sagt Rob Domenico. Für ihn kommt es nun deshalb darauf an, ob die Gesellschaft zur Community steht - und das auch offen zeigt. "Wer uns nur stumm unterstützt, unterstützt uns nicht", sagt er.

Aber die Debatte in den USA hat sich längst in eine andere Richtung gedreht. Noch während am Tatort stumm das Blaulicht der zahlreichen Polizeiwagen durch die Nacht zuckte, wurde im Rest des Landes längst hitzig und verbissen über die Konsequenzen der Tragödie debattiert. Strengere Waffengesetze fordern die einen, schärfere Sicherheitsvorkehrungen gegen Terrorismus und einen härteren Umgang mit mutmaßlichen Islamisten die anderen. Jeder will die Deutungshoheit gewinnen.

Man kann nur erahnen, was für entsetzliche Szenen sich in den verzweigten Gängen des Clubs abgespielt haben. Der Täter nahm Geiseln, hätte vielleicht noch viel mehr Unschuldige niedergemetzelt. Nach drei Stunden stürmt die Polizei gewaltsam. Mateen wird erschossen.

Geruch von Schießpulver


Paul Thorstensen, Mitarbeiter eines nahen Schnellrestaurants, war da gerade vor der Notaufnahme, um Essen auszuliefern. Seine Eindrücke fasst er mit einem Wort zusammen: "Schrecklich." Menschen seien in alle Richtungen gerannt. Als er zu seinem Sandwich-Shop zurückgekehrt sei, habe der Geruch von Schießpulver in der Luft gelegen. "Jedes einzelne Polizeiauto aus Orlando war hier." Am Tag zwei nach der Bluttat stehen noch immer etliche von Polizeiwagen in der Straße.

Vor dem Schwulen- und Lesbenzentrum wehen unterdessen zwei Flaggen auf Halbmast. Die amerikanische oben, eine Regenbogenfahne darunter.
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