Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht
Inzwischen mehr als 150 Anzeigen bei der Polizei

Kölns Polizeipräsident Wolfgang Albers räumte Fehler ein, will aber nicht zurücktreten. Archivbild: dpa

Köln/Hamburg. Fast eine Woche nach den massiven Übergriffen auf Dutzende Frauen in Köln und Hamburg wird das ganze Ausmaß bekannt: Inzwischen wurden in Köln mehr als 100 Anzeigen erstattet, in Hamburg über 50. Zahlreiche Frauen sollen in der Silvesternacht ausgeraubt oder belästigt, zwei vergewaltigt worden sein. Die Kölner Polizei hat zwar eine erste Spur, festgenommen wurde allerdings bis zum Mittwoch noch niemand.

Augenzeugen und Opfer hatten ausgesagt, die Täter seien dem Aussehen nach größtenteils nordafrikanischer oder arabischer Herkunft. Bislang gibt es laut Polizei keine Belege, dass Asylbewerber darunter waren. Die Polizei habe drei Verdächtige ermittelt, sagte NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD). Die Ermittlungen seien schwierig. "Manchmal braucht der Rechtsstaat Zeit. Diese Zeit müssen wir ihm geben."

Organisierte Kriminalität?


Vor allem die Polizei sieht sich weiter heftiger Kritik ausgesetzt, weil sie zu spät reagiert haben soll und erst zwei Tage nach den Übergriffen über die Vorfälle informierte. Dabei waren nach ihren Angaben am Silvesterabend auf dem Platz vor dem Bahnhof in Köln zahlreiche Frauen im Getümmel sexuell bedrängt und beklaut worden. Zuvor hatten sich etwa 1000 Männer auf dem Bahnhofsvorplatz versammelt und mit Feuerwerkskörpern um sich geworfen.

Nach den Übergriffen ermittelt nun die Abteilung für die Bekämpfung der organisierten Kriminalität der Staatsanwaltschaft Köln. "Tat- und Täterbeschreibungen lassen es derzeit zumindest nicht als ausgeschlossen erscheinen, dass das Geschehen organisierten Täterstrukturen zuzurechnen ist", teilte die Behörde mit. Die Kölner Polizei stockte ihre Ermittlungsgruppe auf 80 Mitarbeiter auf.

Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) lässt wegen des Ausmaßes prüfen, ob es einen Zusammenhang zwischen den Taten in Köln und ähnlichen Attacken in Hamburg gibt. "Das Ganze scheint abgesprochen gewesen zu sein", sagte Maas. Hamburger Ermittler gehen bislang nicht von Verbindungen aus. In der Hansestadt wurden junge Frauen nahe der Reeperbahn in der Silvesternacht von mehreren Männern umringt und an der Brust oder im Intimbereich begrapscht. Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) bezeichnete die Übergriffe als Schande. Drei Viertel der insgesamt mehr als 150 Anzeigen in Köln und Hamburg haben nach Polizeiangaben einen sexuellen Hintergrund. "Viele Frauen geben in den Gesprächen an, dass sie auch angefasst wurden", sagte eine Kölner Polizeisprecherin. In den ARD-"Tagesthemen" bemängelte Bundesinnenminister Thomas de Maizière den Einsatz der Kölner Beamten: "Da wird der Platz geräumt - und später finden diese Ereignisse statt, und man wartet auf Anzeigen. So kann die Polizei nicht arbeiten."

Rücktritt abgelehnt


Die Kölner Polizeiführung räumte zwar ein, am Neujahrsmorgen falsch über die Ereignisse der Nacht berichtet zu haben. In einer Erklärung hatte sie die Lage zunächst als recht entspannt beschrieben und sich selbst gelobt. Kritik am Einsatz wies sie allerdings zurück. "Wir waren nicht überfordert", sagte Polizeipräsident Wolfgang Albers. Das ganze Ausmaß der Vorfälle sei erst später klar geworden. Einen Rücktritt schloss Albers aus. "Gerade jetzt bin ich, glaube ich, hier gefragt", sagte er. Dagegen verlangte FDP-Chef Christian Lindner personelle Konsequenzen an der Spitze der Polizei.

CSU-Chef Horst Seehofer forderte ein hartes Vorgehen gegen die Täter. Die Übergriffe seien "erschütternd" und "unsäglich", sagte Bayerns Ministerpräsident in Wildbad Kreuth.

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