Ukraine-Konflikt elektrisiert Transnistrien

Die Außenministerin der Region Transnistrien, Nina Wiktorowna Schtanski, zeigt in Tiraspol voller Stolz ihren transnistrischen (links) und russischen Pass. Bild: dpa

Die Parlamentswahl in Moldau wirft ein Schlaglicht auf Transnistrien. Dort träumt so mancher vom Anschluss an Russland. Die Sorge wächst, dass der Konflikt in der benachbarten Ukraine übergreifen könnte.

Die Grenze zwischen Moldau und dem abtrünnigen Gebiet Transnistrien wird schwer bewacht. Rauchend beobachten uniformierte russische Soldaten Fahrzeuge, die den mehrere Hundert Meter breiten Streifen zwischen den Kontrollposten der Moldauer und Transnistrier passieren. Russland ist Schutzmacht Transnistriens, rund 2000 Soldaten sind Schätzungen westlicher Beobachter zufolge in dem Gebiet stationiert, das sich im Jahr 1990 von Moldau abgespalten hat. Experten warnen, der blutige Bürgerkrieg in der benachbarten Ukraine könnte auch auf Moldau überspringen.

Nur gut 70 Kilometer weiter, in Moldaus Hauptstadt Chisinau, tobt der Wahlkampf vor einer richtungsweisenden Parlamentswahl am Sonntag. Die prowestliche Regierung kämpft um die Wiederwahl, prorussische Kräfte wollen die Ex-Sowjetrepublik Russland annähern. Die Führung in Transnistrien, das völkerrechtlich zu Moldau gehört, schert sich nicht um die Wahl.

Lenin-Denkmäler

In Tiraspol, der Hauptstadt des De-facto-Staates mit rund 500 000 Einwohnern, fühlt es sich an wie in einer russischen Provinzstadt. Lenin-Denkmäler thronen vor sowjetischen Prachtbauten, goldene Kuppeln orthodoxer Kirchen ragen zwischen Plattenbauten in den Himmel. Es wird russisch gesprochen. "97 Prozent unserer Bürger sind für eine Vereinigung mit Russland", sagt Außenministerin Nina Schtanski. Seit Russlands Annexion der Halbinsel Krim sind in Tiraspol Rufe nach einem Anschluss lauter geworden.

Die Führung in Moskau lässt keinen Zweifel an ihrer Rückendeckung für Tiraspol. Sollte es zwischen Moldau und Transnistrien wie in der Ostukraine zu Gewalt kommen, würde Russland einschreiten, sagt Vize-Regierungschef Dmitri Rogosin. Das Riesenreich hilft Transnistrien finanziell und mit billigen Gaslieferungen.

Dmitri Gawrilow sieht dies mit Sorge. Der 31-jährige Transnistrier will eine Aussöhnung mit dem Mutterland Moldau, mit dem es Anfang der 1990er Jahre einen blutigen Krieg gab. "Ich bin ein Mensch mit einer verlorenen Nationalität", sagt er in einem Restaurant in Tiraspol. Gawrilow wurde noch in der Sowjetunion geboren. Dann wurde er Transnistrier. Zwar gehöre das Gebiet zu Moldau, aber sein Leben spiele sich dort nicht ab, erklärt Gawrilow.

Und die transnistrische Nationalität? "Existiert nicht", sagt er. Dabei gibt sich die Führung alle Mühe, ihrem Gebiet den Anstrich eines Staates zu geben. Die Nationalfarben Rot und Grün mit den Sowjetinsignien Hammer und Sichel sind überall präsent, die Polizei trägt in russisch anmutende Uniformen, und Banken tauschen Devisen in den international wertlosen transnistrischen Rubel.

Gespräche in Sackgasse

Seit Jahren stecken Versöhnungsgespräche zwischen Tiraspol und Chisinau in einer Sackgasse. Beide Parteien werfen sich eine Blockade vor. Kanzlerin Angela Merkel hatte in den vergangenen Jahren versucht, Gespräche zwischen Chisinau und Tiraspol voranzubringen. Internationale Verhandlungen waren im September abermals ausgefallen.

Schtanski präsentiert auf Nachfrage stolz ihren russischen Pass. Wer kann, hat in Transnistrien für Reisen Dokumente aus Russland, der Ukraine oder aus Moldau. So kommt es, dass ein Drittel der Transnistrier bei Moldaus Parlamentswahl abstimmen dürfte. Dazu müssten sie aber über die Grenze fahren, denn Wahllokale gibt es in Tiraspol keine. Der Transnistrienkonflikt ist in Chisinau offenbar zur Normalität geworden. Mit "Disneyland" und einem "lebendigen Sowjet-Museum" vergleichen Moldauer das abtrünnige Gebiet.

Traum vom Anschluss

Andrej Smolenski ist stolz auf die soliden Straßen und mächtigen Bauwerke von Tiraspol, die noch den Geist des sowjetischen Erbes atmen. An seiner Loyalität lässt der 30-jährige Stadtführer keinen Zweifel. "Das Beste für unser Land wäre ein Anschluss an Russland." Ein Werbeschild über seinem Kopf macht den Widerspruch der Region deutlich: "Jewro okna" steht in violetten kyrillischen Lettern auf der Tafel - "Euro-Fenster". Europäischer Standard ist ein Gütesiegel in Tiraspol.
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