Ukraine-Konflikt wirft Schatten auf Gedenktag

Heinrich August Winkler zählt zu den renommiertesten Historikern in Deutschland. Sein Buch "Der lange Weg nach Westen" gilt als Standardwerk für die deutsche Geschichte zwischen 1806 und 1990. Zwischen 2009 und 2015 erschien seine vierbändige "Geschichte des Westens". Am Freitag hielt er die Gedenkrede zum 70. Jahrestag des Kriegsendes in Europa im Bundestag. Bild: dpa

Der 8. Mai ist ein zentraler Gedenktag der Deutschen. Im Bundestag spricht diesmal nicht der Bundespräsident, sondern ein Historiker. Und nicht nur das ist anders als früher.

Das Ende der Rede Heinrich August Winklers im Bundestag hat die Sozialdemokraten wohl besonders gefreut. Denn der große Historiker zitiert Gustav Heinemann, den ersten Bundespräsidenten der SPD: "Es gibt schwierige Vaterländer. Eines davon ist Deutschland. Aber es ist unser Vaterland." Beifall aus allen Fraktionen.

"2014 eine tiefe Zäsur"

Winkler schreckt vor großen Worten nicht zurück, aber er hat auch eine klare Botschaft an diesem Freitag im Berliner Reichstagsgebäude. "Das Jahr 2014 markiert eine tiefe Zäsur", sagte der 76-Jährige. Die völkerrechtswidrige Annexion der Krim stelle die europäische Friedensordnung radikal infrage. Winkler macht klar: Dieser 8. Mai ist anders als frühere Gedenktage. Der Historiker lobt zwar die Bemühungen der Bundesregierung im Ukraine-Konflikt. Aber er fordert unmissverständlich: "Nie wieder dürfen Polen und die baltischen Staaten den Eindruck gewinnen, als werde zwischen Berlin und Moskau irgendetwas über ihre Köpfe hinweg und auf ihre Kosten entschieden."

Wie kaum ein Zweiter kann Winkler - er lehrte von 1972 bis 2007 als Professor unter anderem in Freiburg und Berlin Geschichte - historische Zusammenhänge sichtbar und begreifbar machen. Der deutsche Irrweg, sagt er, der in die Katastrophe des Holocaust und des Zweiten Weltkriegs geführt hat, habe nicht erst 1933 begonnen, als Adolf Hitler in Berlin an die Macht kam.

Weite Teile der Gesellschaft, vor allem deren Eliten, hätten schon die Weimarer Republik abgelehnt, Ressentiments gegenüber der westlichen Demokratie seien weit verbreitet gewesen. In diesem Sinne hätten die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs die Deutschen auch "von sich selbst befreit".

Der 8. Mai als "Tag der Befreiung". Jeder, der zu diesem Datum redet, muss an Richard von Weizsäcker erinnern, der vor 30 Jahren genau diese Worte wählte und vom "Tag der Befreiung von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft" sprach. Es war eine historische Rede. Daran mussten sich alle anderen in späteren Jahren messen lassen. Diesmal spricht nicht die Kanzlerin, auch nicht der Bundespräsident, sondern eben Professor Heinrich August Winkler. Der 76-Jährige ist seit Jahrzehnten einer der renommiertesten Historiker in Deutschland. Die Politik überlässt ihm das Feld. Es soll die Idee von Norbert Lammert gewesen sein. Der Bundestagpräsident spricht auch, aber nur kurz.

Kein Recht auf Untätigkeit

Besonders zufrieden mit Winklers Rede kann auch Bundespräsident Gauck sein. Denn der Historiker, der seit 1962 Mitglied der SPD ist, sagt über Deutschlands Verantwortung in der Welt genau das, was Gauck im Januar 2013 vor der Münchner Sicherheitskonferenz formuliert hat. "Die Menschheitsverbrechen der Nationalsozialisten sind kein Argument, um eine Beiseitestehen Deutschlands in Fällen zu begründen, wo es zwingende Gründe gibt ... tätig zu werden."

Gauck selbst fährt unmittelbar nach der Gedenkstunde im Bundestag in den brandenburgischen Ort Lebus. Dort gedenkt er der 5000 Soldaten der Roten Armee, die dort begraben sind. Ihr Schicksal sei Mahnung, der Verantwortung für die Würde und das Leben der Menschen gerecht zu werden, in Europa und in der Welt. Den Ukraine-Konflikt erwähnt er diesmal nicht.
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