Umfragen vor der Wahl zum Abgeordnetenhaus
Vier Mächte in Berlin

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller könnte laut einer Vorwahlumfrage im Auftrag der ARD mit seinen Sozialdemokraten auf 21 Prozent kommen - das wäre ihr schlechtestes Ergebnis in Berlin seit dem Zweiten Weltkrieg. Vor fünf Jahren hatten die Sozialdemokraten mit ihrem Kandidaten Klaus Wowereit 28,3 Prozent geholt. Archivbild: dpa

Der nächste Stimmungstest für die Bundestagswahl: Am 18. September wählt die Hauptstadt. Die Vorzeichen sind dabei andere als noch in Mecklenburg-Vorpommern.

Berlin. Selten war der Wahlausgang in Berlin so spannend und so schwer vorhersagbar. Nach fünf Jahren hat die rot-schwarze Koalition abgewirtschaftet. Die SPD, die die Hauptstadt mit einer Unterbrechung seit fast 60 Jahren mitregiert, schwächelt gewaltig. Dafür liegen die großen Parteien so dicht beieinander wie nie zuvor. Und am Horizont wird das Schreckgespenst AfD immer größer.

SPD und CDU haben ihre einst klare Mehrheit (2011: 51,6 Prozent) in diesem Jahr gründlich verspielt. Wenige Tage vor der Wahl des Berliner Abgeordnetenhauses am 18. September sehen Umfragen die Sozialdemokraten bei 21 bis 24 Prozent, die Union bei 17 bis 20 Prozent. In keiner Umfrage reicht es für eine Fortsetzung von Rot-Schwarz - und das scheint vielen in der Berliner Landespolitik nur recht zu sein.

Grüne (17 bis 19 Prozent) und Linke (15 bis 17 Prozent) rücken den Großen dicht auf die Pelle. Die Piraten sind wohl raus, die FDP muss zittern. Vor allem aber ist da die AfD, die je nach Umfrageinstitut auch in der bisher eher linken Hauptstadt 10 bis 15 Prozent erreicht.

Nach dem großen Erfolg der Rechtspopulisten in Mecklenburg-Vorpommern hoffen die Berliner Parteien zwar auf einen Weckruf. Doch die Angst ist groß, dass die AfD nicht nur ins Abgeordnetenhaus einziehen, sondern in den Bezirken mit Stadträten sogar Gestaltungs- und Finanzmacht bekommen könnte. Vor einem Abwandern der Wähler von den großen Volksparteien nach rechts fürchten sich Berlins Regierungschef Michael Müller (SPD) und sein CDU-Herausforderer und Noch-Innensenator Frank Henkel gleichermaßen.

Doch Berlin ist nicht Schwerin - mit dieser fast beschwörend wiederholten Formel spricht man sich in der Hauptstadt mit Blick auf den eigenen Urnengang Mut zu. Fast unisono betonen Vertreter von SPD, CDU, Grünen und Linken, die Berliner seien liberaler und weltoffener. Deshalb seien sie weniger anfällig für die ausländer- und flüchtlingsfeindlichen Sprüche der AfD, die im März in Sachsen-Anhalt ein Viertel und am Sonntag im Nordosten ein Fünftel der Wähler für sich gewann. Das bestätigt der Parteienforscher Oskar Niedermayer. "Man kann das Wahlergebnis von Mecklenburg-Vorpommern nicht 1:1 auf Berlin übertragen. Hier gibt es eine ganz andere Wählerstruktur mit einem eindeutig grünen Milieu, was die Grünen wieder sehr stark machen wird", sagt der Politologe der Freien Universität Berlin.

Regierungschef Müller hat das Amt in der Wahlperiode von seinem zurückgetretenen Vorgänger Klaus Wowereit geerbt und muss nun erstmals zeigen, dass er Wahlen gewinnen kann. Er schöpft aus dem Sieg seines Schweriner Amtskollegen Erwin Sellering Hoffnung. "Die Menschen vertrauen in diesen Zeiten dem Amtsinhaber", sagt der Berliner SPD-Chef - lässt dabei aber unerwähnt, dass Sellering als Ministerpräsident viel populärer ist als er selbst.
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