Unfall-Schaulustigen droht ein Bußgeld
Gaffer nerven Helfer

Symbolbild: dpa
Amberg. (san) Bei einem Unfall auf der B 85 im Bereich von Sulzbach-Rosenberg verlor vergangene Woche ein Ehepaar sein Leben. Ein Ersthelfer kritisierte, dass viele Verkehrsteilnehmer einfach weiterfuhren. Die Polizei machte eine ähnliche Erfahrung: Selbst als die Unfallstelle schon abgesperrt war, fuhren einige Autofahrer am Schauplatz der Kollision unverdrossen weiter, begründeten dies mit banalen Ausreden: Man müsse dringend weiterfahren, Umkehren und einen anderen Weg wählen, koste zu viel Zeit.

„Man kann nur an die Menschen appellieren“, sagt Peter Krämer, Sprecher der Amberger Polizeiinspektion. Zum Beispiel an jene, die zu Unfällen hinzukommen. Seien bereits Ersthelfer vor Ort, könne man nachfragen, ob man sie noch unterstützen könne, sei es bei der Absicherung der Unfallstelle, beim Retten der Verletzten und deren Erstversorgung. „Wichtig ist, dass man Hilfe anbietet“, macht Krämer deutlich. Wer nicht helfe – und dies vorsätzlich nicht tue – mache sich strafbar wegen unterlassener Hilfeleistung. Kürzlich hat die Polizei nach einem schweren Verkehrsunfall auf der A 75 in Köln die Kennzeichen von Gaffern notiert, die auf der Gegenfahrbahn auf die Bremse getreten waren und Fotos von der Unfallstelle mit Handys gemacht hatten. Die Schaulustigen müssen jetzt damit rechnen Post zu bekommen – mit einer Bußgeldforderung.

Für die Polizei ist dies jedoch oftmals schwer umsetzbar. In der Chaos-Phase, also der ersten Zeit nach einem Unglück, zählt Wichtigeres für die Einsatzkräfte als Gaffer davonzujagen: Unfallstelle absichern, Verkehr umleiten, Verletzte – und damit Leben – retten. Bußgelder können die Ordnungshüter erheben, wenn jemand Bergungsarbeiten oder Rettungskräfte behindert. Doch selbst wenn die Polizei all jenen, die dies tun, das doppelte Bußgeld aufbrummen würde – sind dies vielleicht 50, 70 oder 80 Euro.

Diese stehen für Peter Krämer in keiner Relation zu einem „moralisch absolut verwerflichen Verhalten: Da kämpft jemand um sein Leben und andere schlängeln sich durch die Unfallstelle“. Wer dies tue, sollte laut Krämer eines bedenken: „Jedem, der am Straßenverkehr teilnimmt, kann ein Unfall widerfahren.“ Deshalb fordert er einen Paradigmenwechsel: „Man muss sich nur vorstellen, man würde selbst da liegen.“

Im digitalen Zeitalter verbreiten sich Nachrichten in Windeseile. Und so erfahren Angehörige von Unfällen und Tragödien durch soziale Netzwerke viel schneller, als sie Polizei und Notfallseelsorger benachrichtigen könnten. Peter Krämer befürchtet, dass dies in Zukunft noch zunehmen wird. Diese Einschätzung teilt Peter Bublitz, Diakon und Notfallseelsorger aus Sulzbach-Rosenberg. „Das kommt immer mehr“, sagt er seufzend. Passiert ein Unfall, kursieren Informationen dazu schon zehn Minuten oder eine Viertelstunde später in der virtuellen Welt. „Natürlich erreichen diese Nachrichten nicht immer die Angehörigen, aber das ist nur noch eine Frage der Zeit.“

Schlimm sei vor allem, dass dort nur ein Bruchteil der Wahrheit kommuniziert werde. „Die Realität ist oft schlimm, aber die Fantasie ist noch viel schlimmer.“ Wer nicht wisse, was passiert sei, mache sich irre Vorstellungen davon. „Und das belastet die Menschen natürlich“, schildert er die Situation der Angehörigen. „Die Fantasie spinnt sich was zusammen, das kann sehr grausam sein.“
Wenn zwei Polizeibeamte in Begleitung eines Notfallseelsorgers vor der Tür stehen, wüssten natürlich die Betroffenen, was los sei. „Der Unterschied ist aber der: Wir können die Leute auffangen.“ Peter Bublitz erklärt konkret, was dies bedeutet: „Man kann jemanden in den Arm nehmen und 1:1 auf die Situation reagieren.“ Von all jenen, die unbedarft Fotos von Unfallstellen in Netz stellen, wünscht er sich nur eines: „Hirn einschalten, bevor man auf Posten drückt.“ Jeder, der ein Unfallbild verschicke, sollte sich überlegen, was er damit ins Rollen bringt. Das Allerbeste sei, „das zu lassen“.

Aus Gesprächen mit Hinterbliebenen weiß der erfahrene und langjährige Notfallseelsorger, was diese angesichts der digitalen Omnipräsenz fühlten: Wut, aber auch Hilflosigkeit.
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