US-Präsident Barack Obama vor historischem Besuch in Hiroshima
„Keine schlafenden Hunde wecken“

In Ho-Chi-Minh-Stadt warteten Vietnamesen auf US-Präsident Barack Obama. Zuvor hatte er sich in Hanoi - überwacht von den Sicherheitskräften des kommunistischen Landes - mit sechs Regimekritikern getroffen. Andere seien von der Teilnahme abgehalten worden, monierte Obama. Vor Studenten geißelte er später die Einschränkung der Meinungsfreiheit. Bild: dpa

Hiroshima. Auf diesen Tag hat Haruko Moritaki jahrzehntelang gewartet. Wenn US-Präsident Barack Obama am Freitag als erster amtierender US-Präsident die Gedenkstätte des Atombombenabwurfs in Hiroshima besucht, hat Moritaki große Erwartungen: "Sagen Sie der Welt als Präsident einer Nation, die uns ins Atomzeitalter versetzt hat, dass der Abwurf der Atombomben ein Fehler war", heißt es in einem Brief, den die 77-jährige Japanerin als Vertreterin einer Organisation zur Abschaffung von Atomwaffen im Vorfeld an Obama schickte. Und weiter: "Bitte entschuldigen Sie sich bei den Opfern."

Eine Welt ohne Kernwaffen


Doch das wird Obama nicht tun. Er will vielmehr mit seinem Besuch ein Signal setzen für eine Welt ohne Atomwaffen. Japans rechtskonservativer Premier Shinzo Abe, der Obama begleiten wird, hat auch gar keine Entschuldigung gefordert, denn das läge nach Meinung von Beobachtern ohnehin nicht in seinem Interesse. Der gemeinsame Besuch hat große symbolische Bedeutung. "Er ist ein Schritt, der zeigen soll, dass die japanisch-amerikanische Wiederaussöhnung in der Nachkriegszeit erfolgreich war", sagte Sven Saaler, Professor für moderne Geschichte an Tokios Universität Sophia.

Die Betonung der heute engen Allianz ist auch ein Signal an China oder Südkorea, mit denen es immer wieder zu Spannungen kommt - auch wegen Tokios Umgang mit seinen früheren Kriegsverbrechen. Die Geschichte der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki ist in Japan seit Jahrzehnten durch die Opferperspektive bestimmt. Dass Hiroshima eine logische Konsequenz für Japans Aggressionskrieg war, akzeptieren nur wenige. Japan habe zwar Unrecht begangen. Trotzdem seien die Atombomben Verbrechen an Unschuldigen gewesen. Die Mehrheit der Amerikaner hält die Atombombenabwürfe dagegen für richtig. Das macht den Besuch für Obama zu einem Balanceakt, will er nicht die öffentliche Meinung im eigenen Land gegen sich aufbringen. Um jedes Missverständnis auszuschließen, ließ das Weiße Haus bereits wissen, dass sich Obama in Hiroshima nicht bei Japan entschuldigen werde. Aber auch Abe müsste nach Einschätzung von Beobachtern fürchten, dass eine Entschuldigung der USA eine Pandorabüchse öffnet: Erneut könnte es Fragen nach Japans eigenem Verhalten in Asien und neue Forderungen nach Entschuldigungen geben.

Japan will Rolle ausweiten


Abe verfolgt eine nationalistische Agenda, deren Ziel es ist, sich vom Nachkriegsregime zu verabschieden und die militärische Rolle Japans an der Seite der USA, von dessen Atomschild es beschützt wird, auszuweiten. Würde sich Obama entschuldigen oder sein Besuch als Entschuldigung gesehen werden, so die Sorge, würde dies den Gegnern der Allianz in die Hände spielen. Zudem könnte dies den seit dem GAU in Fukushima spürbaren Widerstand in Japan gegen die Atomkraft stärken. "Kurzum: Lieber nicht die schlafenden Hunde wecken", brachte es der Politikprofessor Koichi Nakano auf den Punkt.
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