US-Wahl
Berlin trauert Obama nach

Während am Dienstag die Wähler in Indianapolis im US-Bundesstaat Indiana über den künftigen US-Präsidenten entscheiden, wird in Berlin schon darüber nachgedacht, was sich im transatlantischen Verhältnis künftig ändern könnte. Bild: dpa

Wenn US-Präsident Obama nächste Woche noch einmal nach Deutschland kommt, dürfte es etwas sentimental werden. In Berlin stellt man sich darauf ein, dass es im Verhältnis zu Washington künftig rauer zugeht.

Berlin. Nach der Präsidentenwahl in den USA wird es für Deutschland schwieriger - so oder so. Im Wahlkampf zwischen Hillary Clinton und Donald Trump hat die Außenpolitik zwar nicht die ganz große Rolle gespielt. Aber beide Kandidaten haben deutlich gemacht, dass sie an ein Land wie die Bundesrepublik künftig höhere Ansprüche stellen - sei es finanzieller oder sonstiger Art. So kommt es, dass man einen Satz in Berlin derzeit häufiger hört: "Der Tag, an dem wir uns nach Barack Obama zurücksehnen, wird möglicherweise nicht sehr lange auf sich warten lassen." Nächste Woche, wenn der Noch-Präsident für zwei Tage zum Abschiedsbesuch kommt, wird es vielleicht sogar ein sentimental.

Kerry auf Abschiedstour


Im Dezember schaut auch der ebenfalls scheidende Außenminister John Kerry ein letztes Mal vorbei - noch so einer, dem man in Berlin nachzutrauern beginnt. Es ist gerade die Zeit, in der die acht Jahre Obama verklärt werden - trotz der NSA-Affäre, trotz des Streits über das Freihandelsabkommen TTIP, trotz der Differenzen in außenpolitischen Krisen wie Libyen, Syrien oder Ukraine.

Aber Angela Merkel und die anderen Europäer sind mit Obama doch ganz gut zurechtgekommen. Die Kanzlerin galt sogar als dessen Lieblingsverbündete. Mit Hillary Clinton als neuer US-Präsidentin - Außenministerin in den ersten vier Obama-Jahren - könnte sich die Kanzlerin auf eine gewisse Kontinuität verlassen. Die beiden kennen sich, schätzen sich. Clinton wäre für alle in Berlin die Wunsch-Präsidentin.

Die meisten Experten sind sich aber einig darin, dass sie als Präsidentin im Umgang mit den Bündnispartnern eine härtere Linie verfolgen würde. Anders als Obama ist sie Militäreinsätzen nicht grundsätzlich abgeneigt. Die Europäer müssten sich darauf einstellen, dass sie sich in der Nato - und auch in anderen Sicherheitsfragen - mehr engagieren müssen. Und Kremlchef Wladimir Putin darauf, dass aus Washington Klartext gesprochen wird. Was eine Präsidentin Clinton vorhätte, darüber ist man sich in Berlin noch nicht schlüssig.

Was Trump betrifft, wissen die Europäer im Augenblick überhaupt nicht, was auf sie zukäme. Alle Versuche, die außenpolitischen Vorstellungen des Immobilien-Milliardärs ("Make America Great Again") über Mittelsmänner näher zu ergründen, hatten keinen Erfolg.

Längere Findungsphase


Unabhängig vom Wahlausgang wird erwartet, dass die "Findungsphase" zwischen Bundesregierung und neuer US-Administration dauern kann. Mit der Amtseinführung am 20. Januar dürfte sie längst nicht abgeschlossen sein. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird sich der deutsche Außenminister dann aber sehr schnell auf den Weg nach Washington machen.
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