Verhaltene Feiern zu 25 Jahre Nachbarschaftsvertrag
Deutsch-polnische Nullnummer

Kritik durch die Blume, ansonsten freundliche Worte: Bundespräsident Joachim Gauck und die polnische Ministerpräsidentin Beata Szydlo in deren Amtssitz. Die Feierlichkeiten zum 25-jährigen Bestehen des Nachbarschaftsvertrags zwischen der Bundesrepublik und Polen zeigten, wie unterkühlt das Verhältnis heute ist. Bild: dpa

Wie ein gutes altes Ehepaar seien Deutsche und Polen, sagt Polens Präsident Duda. Auch bei ihnen hängt manchmal der Haussegen schief. Bundespräsident Gauck findet später in der polnischen Hauptstadt klare Worte gegen Nationalismus.

Berlin/Warschau. Andrzej Duda strafft sich in seinem eng geschnittenen Anzug. Jetzt kommt der heikle Part bei seinem Auftritt mit Europas mächtigster Frau. Das deutsch-polnische Verhältnis, sagt der stramm konservative Staatspräsident aus Warschau mit einem feinen Lächeln zu Angela Merkel, sei wie eine "gute alte Ehe". Da gebe es immer auch mal strittige Fragen. Duda macht eine Pause. Wenn man zusammenbleiben will, gegenseitige Sympathie und Wohlwollen noch da sind, erklärt er, wird das schon werden: "Ich bin fest entschlossen, dass wir das gemeinsam lösen." Da neigt Merkel fast ein bisschen verlegen den Kopf nach rechts zu ihrem 44-jährigen Nachbarn, lächelt und spitzt den Mund.

Auch sie wählt zuvor wohlwollende Worte, spricht von einer Erfolgsgeschichte beider Länder nach den Grauen des Krieges. Das sei ein großes Glück, das "mich dankbar und angesichts der Geschichte demütig macht". Dennoch ist bei der Pressekonferenz am Freitagmorgen im Kanzleramt nur wenig Herzlichkeit zu spüren. Keine Wärme. Zu frostig ist das Klima zwischen Berlin und Warschau.

Bemerkenswert ist, dass Merkel, die sich sonst gern als Fußball-Kanzlerin inszeniert, kein Wort über das 0:0 zwischen Deutschland und Polen ein paar Stunden zuvor bei der EM in Paris verliert. Auch Duda erwähnt das Spiel nicht. Der Pole hat es sich in seiner Berliner Botschaft angeschaut. Warum lud Bundespräsident Joachim Gauck Duda nicht ins Schloss Bellevue ein, um auf der Couch bei einem Bier zu gucken, wie Boateng mit seiner Grätsche ein Lewandowski-Tor verhindert? Begründung: hohe Termindichte. Übersetzt heißt das, Gauck und Duda wollten nicht. Auch fliegen die Präsidenten am Freitag nicht zusammen, sondern im Abstand von 30 Minuten jeder in seiner eigenen Maschine nach Warschau, wo die Feiern zur deutsch-polnischen Silberhochzeit weitergehen. Das lässt tief blicken. Torlos. Unentschieden. Trostlos? Wenn man den EM-Kick positiv ins Politische drehen möchte: Nur kein Sieger und kein Verlierer. Auf den Tag genau 25 Jahre nach der Unterzeichnung des Nachbarschaftsvertrags zwischen den einstigen Erzfeinden knirscht es zwischen Berlin und Warschau vernehmlich. Zwischen Merkel und der nationalkonservativen Regierung in Warschau gibt es tiefe Differenzen in der Flüchtlingspolitik. Merkels Idee von einer Lastenteilung bei der Aufnahme der Syrien-Flüchtlinge stößt dort wie in vielen anderen EU-Ländern auf taube Ohren. Und die Polen vermuten, dass das mächtige Deutschland hinter dem EU-Verfahren gegen die umstrittene Justizreform des Landes steckt.

Am Freitagabend, bei einer Konferenz zur Zukunft Europas im Schloss Belvedere, der damaligen Residenz des einstigen Arbeiterführers und Präsidenten Lech Walesa, lässt Bundespräsident Gauck keine Zweifel, was er von den nationalistischen Tendenzen in Europa hält: nichts. Ohne die nationalkonservative Regierung von Ministerpräsidentin Beata Szydlo direkt zu erwähnen, weiß jeder, was er meint, als Gauck in seiner Rede gleich zweimal den im erzkatholischen Polen tief verehrten polnischen Papst Johannes Paul II. und dessen Vision von einem "Europa ohne selbstsüchtige Nationalismen" zitiert.

Das Treffen mit Szydlo in deren Amtssitz hatte Gauck zuvor noch für ein paar entspannende Worte genutzt. Mit einem Lächeln sagte er: "Die Fußballspieler haben uns geholfen, dass die Atmosphäre entspannt ist." Die als eher unterkühlt bekannte Polin entgegnete ebenfalls lächelnd: "Wir haben uns sehr gefreut darüber, dass es so ausgegangen ist mit diesem Remis gestern."

Wir haben uns sehr gefreut darüber, dass es so ausgegangen ist mit diesem Remis gestern.Beata Szydlo über die Nebenwirkungen des 0:0 beim deutsch-polnischen EM-Spiel
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