Viel Bauchgefühl

Ultraschall, Herztonmessung, Bluttest: Was muss in der Schwangerschaft sein, und wie oft? Fast alle werdenden Mütter erhalten laut einer Studie mehr Untersuchungen, als die Mutterschaftsrichtlinien vorsehen. Archivbild: dpa

Mit immer neuen Vorsorgemöglichkeiten sind Schwangere besser versorgt denn je. Fast alle werdenden Mütter setzen auf mehr Untersuchungen als allgemein empfohlen. Experten beklagen: Die Schwangere wird damit zur Patientin.

Fast alle Schwangeren nehmen einer Studie zufolge Vorsorgemaßnahmen in Anspruch, die in den Richtlinien gar nicht vorgesehen sind. Hierzu zählen etwa mehr als drei Ultraschalluntersuchungen sowie spezielle Blut- oder Herztonmessungen. Dies zeigt eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung, für die knapp 1300 Mütter kurz nach der Geburt befragt wurden. Nahezu unerheblich war dabei, ob eine Risikoschwangerschaft oder ein unauffälliger Verlauf vorliegt: Die Untersuchungen liefen fast alle gleich ab.

Experten fürchten, auf diese Weise werde Schwangerschaft immer mehr als etwas Krankhaftes und Behandlungswürdiges angesehen. Es schüre die Angst der Frauen vor der Geburt und somit "möglicherweise auch ihren Wunsch nach einer vermeintlich sicheren Kaiserschnitt-Entbindung", sagte Studienautorin Rainhild Schäfers von der Bochumer Hochschule für Gesundheit. Auch die CDU-Gesundheitspolitikerin Maria Michalk betonte: "Schwanger zu sein ist keine Krankheit. Deshalb halte ich wenig davon, immer wieder neue und weitere Untersuchungen zu machen."

Bei der Befragung gab fast die Hälfte der Frauen mit normaler Schwangerschaft an, mehr als fünf Ultraschalluntersuchungen gemacht zu haben. Die Mutterschaftsrichtlinien sehen aber nur drei vor. Auch scheint eine spezielle Herzton- und Wehenmessung (CTG/Kardiotokographie) längst zur Routine zu gehören. Obwohl diese Untersuchungsmethode nur bei drohenden Frühgeburten und anderen Auffälligkeiten vorgesehen ist, ließen 98 Prozent die Untersuchung durchführen - im Schnitt sogar öfter als vier Mal. Auch Blutuntersuchungen, die über den normalen Vorsorgestandard hinausgehen, oder dreidimensionaler Ultraschall wurden von den Schwangeren genutzt. Die Befragung zeigte auch: Viele werdende Mütter glaubten, die Kontrollen gehörten zur Routine. Dies gilt insbesondere für die CTG-Messungen: Mehr als 94 Prozent der Mütter waren laut Befragung der Meinung, diese gehörten routinemäßig zur Vorsorge. Auffällig sei, dass Ärzte zu einem teilweise hohen Prozentsatz auch bei unbelasteten Schwangerschaften zu Untersuchungen rieten, die nicht vorgesehen sind, sagte Jan Böcken, Experte der Bertelsmann-Stiftung.

Viele zahlen extra

Die Studienautorinnen vermuten, dass gerade beim Ultraschall der Wunsch bestehe, sich mit dem Blick in die Gebärmutter vom Wohlergehen ihres Kindes zu überzeugen und so eine Bindung aufzubauen. Dies ließe sich jedoch durch gezieltes Abtasten ebenso erreichen. Vier von fünf Frauen haben für oft nicht notwendige Präventionsmaßnahmen selbst in die Tasche gegriffen. Vor allem bei speziellen Blutuntersuchungen gaben sie an, dazugezahlt oder die Kosten übernommen zu haben.
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