Von Mut und Demut

Hunderttausende Flüchtlinge drängen nach Deutschland. Vielen macht das Angst. Die Kanzlerin ist über Anfeindungen entsetzt - für sie ist der Zustrom vielmehr ein Kompliment an die vereinte Republik.

Diesmal gibt die Kanzlerin ihre Zurückhaltung auf. Sie lässt keinen Spielraum für Interpretationen. Angela Merkel schärft der Bevölkerung ein, was die Flüchtlingskrise für das eigene Land bedeutet: die Pflicht zur Hilfe, das Verbot der Anfeindung, die Notwendigkeit der Flexibilität und die Chance auf Neues. Bei ihrer politischen Bilanzpressekonferenz, die sie einmal im Jahr in Berlin vor Hunderten Journalisten gibt, beschreibt Merkel am Montag die Ankunft von vermutlich 800 000 Flüchtlingen in diesem Jahr schlicht als das, was es ist: "eine große nationale Aufgabe". Selbstbewusst und bestimmt sagt sie: "Wir schaffen das, und wo uns etwas im Wege steht, muss es überwunden werden." Wenn es ganz schlimm kommt, zeigt die Kanzlerin und CDU-Chefin, wie sie führen kann. So war es bei der Bankenkrise, und so war es beim Atomausstieg. Lange hat sie in der Flüchtlingsdebatte geschwiegen. Beim Besuch im sächsischen Heidenau in der vorigen Woche blieb Merkel für viele hinter den Erwartungen an klare Worte zurück.

Nun spricht Merkel Klartext. Sie verurteilt die "Hetzer" und macht den Helfern - "den vielen guten Bürgern" - Mut. Überhaupt will sie Zuversicht verbreiten, dass das reiche Deutschland dieser großen Herausforderung gewachsen ist - und das mit der gestiegenen Verantwortung in der Welt nach der Wiedervereinigung auch leisten muss. Das Besondere an diesem Auftritt ist, dass Merkel Gefühl zeigt und drastisch formuliert. Sie spricht von "unfassbaren Gräueln" in Ländern wie Syrien, von "skrupellosen Schleppern", die Flüchtlinge "zugrunde richten", von persönlichen "Katastrophen". Um den Deutschen ihren Wohlstand, ihre Sicherheit und womöglich ihre zum Teil auch gedankliche Trägheit klar zu machen, sagt sie: "Das geschieht, während wir in sehr geordneten Verhältnissen leben." Und sie traut sich zu sagen, dass die meisten hiesigen Bürger eine Erschöpfung wie die der Flüchtlinge noch nie erlebt haben - "die uns zusammenbrechen lassen würde". Damit fordert sie Demut vor dem Leid der anderen.

Während Merkel in Berlin Partei für Kriegsflüchtlinge ergreift, kommen zeitgleich Hunderte, wenn nicht Tausende in das Land. Merkel versucht, Anerkennung für das eigene Land zu vermitteln: "Das stellt uns nicht das schlechteste Zeugnis aus." Deutschland habe das, wovon viele Menschen im Krieg träumten: Bürgerrechte, Freiheit, ein geordnetes Zusammenleben. "Die Welt sieht Deutschland als ein Land der Hoffnung und der Chancen. Und das war nun wirklich nicht immer so."
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