Vor 25 Jahren reißen drei Schüsse eines geistig Verwirrten den CDU-Politiker aus seinem ...
Der Schicksalstag des Wolfgang Schäuble

Knapp sechs Wochen nach dem Attentat fährt Wolfgang Schäuble zur Pressekonferenz in der Reha-Klinik - im Rollstuhl. Bild: dpa
Es sind drei Schüsse, die das Leben von Wolfgang Schäuble unumkehrbar verändern. Vor 25 Jahren, am Abend des 12. Oktober 1990, wird der CDU-Politiker und damalige Bundesinnenminister Opfer eines Attentats. Nach einer Wahlkampfveranstaltung im badischen Oppenau feuert ein geistig verwirrter Mann aus nächster Nähe auf Schäuble. Es ist eine Tat, die bis heute nachwirkt. Schäuble ist seither querschnittsgelähmt und an den Rollstuhl gefesselt.

"Ich spüre meine Beine nicht mehr." Der Satz des am Boden liegenden Ministers brennt sich jenen, die damals dabei waren, ins Gedächtnis ein. Schäubles älteste Tochter, die Sekunden nach den Schüssen den Raum betritt, ist sich zu diesem Zeitpunkt sicher, dass ihr Vater tot ist, wie sie später erzählt.

Schüsse aus nächster Nähe

Schäuble wird durch den Mordanschlag lebensgefährlich verletzt. Er überlebt. Heute ist er 73, Bundesfinanzminister und einer der mächtigsten Politiker Deutschlands. Das Attentat, wenige Tage nach der Deutschen Einheit, schreckt damals die Republik auf. Es ereignet sich im kleinen Schwarzwaldort Oppenau, Schäubles Heimat und Wahlkreis. Er lebt nur einige Kilometer entfernt. Im "Gasthof Brauerei Bruder" hält Schäuble an diesem Abend vor 250 bis 300 Zuhörern eine Wahlkampfrede, die Bundestagswahl naht. Danach bleibt er noch eine Weile. Die Stimmung ist gut. Nur sechs Wochen zuvor hatte Schäuble den Vertrag zur Deutschen Einheit unterzeichnet - ein Höhepunkt seiner politischen Karriere, wie er später sagen wird.

Als Schäuble kurz nach 22 Uhr umringt von zahlreichen Menschen den Saal der Gaststätte verlässt, nähert sich ein damals 37 Jahre alter Mann, der bis dahin unauffällig im Publikum gesessen hatte. Am Ausgang zieht der geistig Verwirrte einen Revolver und feuert aus knapp einem halben Meter Entfernung drei Schüsse ab. Zwei davon treffen Schäuble in den Rücken und am Hals. Die dritte Kugel bohrt sich in den Körper eines Personenschützers, der sich vor den zu Boden sinkenden Schäuble wirft. Der 28 Jahre alte Beamte wird von einer Kugel getroffen und verletzt.

"Wir waren total geschockt. Nach einem kurzen Moment brach ein wildes Durcheinander los", erinnert sich ein früherer Mitarbeiter Schäubles, der damals dabei war. Schäuble verliert viel Blut und kurz nach der Tat das Bewusstsein. Lebensgefährlich verletzt wird er zunächst ins Kreiskrankenhaus Oberkirch und später mit dem Rettungshubschrauber in die Universitätsklinik Freiburg gebracht, wo Ärzte fünf Stunden um sein Leben ringen. Schnell wird klar, dass Schäuble nie wieder wird gehen können. Er ist vom dritten Brustwirbel abwärts gelähmt.

Eiserne Disziplin

"Als ich aus dem künstlichen Koma aufgewacht bin, war mir klar, dass ich gelähmt bin", erinnerte sich Schäuble jüngst in einem Interview. "Warum habt Ihr mich nicht sterben lassen", fragt er seine Tochter.

Doch Schäuble gibt nicht auf. Mit eiserner Disziplin nimmt er nur wenige Monate nach dem Attentat im Rollstuhl seine Amtsgeschäfte wieder auf. Gesundheitlich zugute kommt ihm, dass er vergleichsweise jung und zudem sehr sportlich ist. Und er gilt als äußerst willensstark. "Er hat ziemlich früh sein Schicksal angenommen", erinnert sich Ehefrau Ingeborg an die Tage im Krankenhaus: "Es war großartig zu sehen, wie er sich zurück ins Leben kämpft." Den Abschied aus der Politik, zu dem ihm die Familie rät, lehnt er ab.
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