Vor 25 Jahren Vereinbarung über die Wirtschafts- und Währungsunion mit der DDR
"Beispiellose Schocktherapie"

Die D-Mark wurde 1989/90 schnell ein zentrales Thema der friedlichen Revolution in der DDR. Im Bild Teilnehmer einer Leipziger Montagsdemonstration im Februar 1990. Archivbild: dpa
Als Tag der Einheit feiern die Deutschen den 3. Oktober 1990, aber faktisch war die Wiedervereinigung schon Monate vorher perfekt: Am 18. Mai vereinbarten Bundesrepublik und DDR eine Wirtschafts- und Währungsunion. Damit wurde zum 1. Juli in Ostdeutschland die DDR-Mark durch die "harte" D-Mark abgelöst.

Für die DDR mit ihren 17 Millionen Bürgern bedeutete das eine "beispiellose Schocktherapie", wie der Ökonom Manfred Streit schrieb. Deren Folgen sind auch 25 Jahre danach noch nicht ganz verdaut. Mitte 1990 überwog indes unbändige Freude, dass man endlich angekommen war in der Freiheit - zu der für viele eben auch der freie Zugang zu den bislang unerreichbaren Konsumfreuden des Westens gehörte. Deshalb war die D-Mark 1989/90 schnell ein zentrales Thema der friedlichen Revolution in der DDR geworden. "Wir sind das Volk" hieß es zwar anfangs auf den anschwellenden Massendemonstrationen gegen das SED-Regime, von dem auch Reisefreiheit ("Wir wollen raus!") gefordert wurde.

Umstrittene Konditionen

Doch binnen weniger Wochen wandelte sich das Bild: "Kommt die D-Mark, blei'm mir hier, kommt sie nicht, geh'n mir zu ihr", hallte es schon kurz nach dem Mauerfall auf den Demonstrationen in Sachsen. Auch die - selbst heute noch - umstrittenen Konditionen der Währungsunion gerieten unter den Druck der Straße: "Eins zu Eins, oder wir werden niemals Eins", forderten Demonstranten zur Zeit der ersten freien Volkskammerwahl im März 1990 in Ostberlin.

Während die Vorbereitung der Europäischen Währungsunion viele Jahr dauerte, wurde die Einführung der D-Mark in der DDR binnen weniger Wochen geplant. Schon im Februar kündigte Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) das Ziel Währungsunion an, drei Monate später war sie per Staatsvertrag beschlossene Sache.

Welle an Übersiedlern

Dafür blieb indes keine Zeit: "Allein in den vier Monaten von Oktober 1989 bis Januar 1990 hatten über 300 000 Menschen die DDR verlassen und waren in die Bundesrepublik übergesiedelt", bilanzierte die Bundesbank im Sommer 1990. "Hätte sich die Wanderungsbewegung fortgesetzt, wären die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Folgen für beide deutschen Staaten unabsehbar gewesen." Die Politik zog also die Reißleine - und ignorierte praktisch alle Warnungen, die von Seiten ökonomischer Fachleute vorgebracht wurden.

"Wir halten die rasche Verwirklichung der Währungsunion für das falsche Mittel, um dem Strom von Übersiedlern Einhalt zu gebieten", warnten die "Fünf Weisen" des Sachverständigenrates in einem Brief an Kohl. "Es kann nicht Sinn einer Währungsunion sein, die durch jahrzehntelange Misswirtschaft in der DDR aufgeblähten Geldbestände nunmehr im Zuge der Umwandlung in D-Mark in ihrer Kaufkraft aufzuwerten." Und weiter schrieben sie: "Es ist wohl unvermeidlich, dass die Einführung der D-Mark bei den Bürgern der DDR die Illusion erwecken muss, mit der Währungsunion sei auch der Anschluss an den Lebensstandard der Bundesrepublik hergestellt."

Obwohl die DDR-Währung nach landläufiger Auffassung viel weniger wert war, wurden zum 1. Juli 1990 Löhne, Renten und Mieten im Verhältnis 1:1 umgestellt. Für Forderungen und Verbindlichkeiten galt ein grundsätzlicher Umtauschkurs von 2:1. In - nach Lebensalter gestaffelten - Grenzen von 2000 bis 6000 Mark konnten Guthaben 1:1 getauscht werden.

"Eins zu Eins" folgte keiner ökonomischen Vernunft: "Mangels überzeugender ökonomischer Anhaltspunkte" habe sich "kein sachlich zwingender Umstellungskurs ermitteln" lassen, bilanzierte der Ökonom Manfred Streit. "Die Wahl der Umstellungssätze für die Mark der DDR basierte auf einer politischen Entscheidung." Deren psychologische Bedeutung war enorm - als "Ausdruck der Solidarität unter den Deutschen", wie Kohl in seiner Ansprache zum Start der Währungsunion sagte.

Mit der am 1. Juli eingeführten Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion trat aber auch die freie Preisbildung in Kraft, die ab sofort ostdeutsche Produkte und damit die Hersteller ins Abseits drängte. Mit dem Westgeld auf dem Konto und im Portemonnaie erfüllten sich für Millionen DDR-Bürger jahrelang unerfüllte Konsumwünsche. Die ökonomische Einheit unter Gleichen blieb indes eine Illusion. Die "Fünf Weisen" sollten mit der Warnung Recht behalten: "Die Unternehmen in der DDR werden schlagartig einer internationalen Konkurrenz ausgeliefert, der sie gegenwärtig nicht gewachsen sind." Tausende Unternehmen brachen zusammen, die Arbeitslosigkeit schoss in die Höhe.

"Furcht und Bitternis"

Ein gutes Jahr später zogen die "Fünf Weisen" denn auch eine ernüchternde Bilanz über die "Anpassungskrise der ostdeutschen Wirtschaft": Die mit der Währungsunion entstandene Euphorie sei verflogen. "Ihre Stelle haben Unsicherheit und Furcht und Bitternis besetzt", schrieben sie in einem Gutachten. "Viele haben schon aus ihren Köpfen verdrängt, dass viereinhalb Jahrzehnte sozialistischer Misswirtschaft den Grund für die wirtschaftliche Misere gelegt haben."
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