Vor 30 Jahren sorgte Nachricht zum Bau der WAA bei Wackersdorf für unruhige Zeiten
"Schwarzer Tag" für die Region

Otto Schily (damals Grüne, später SPD; am Pult) war einer der Redner bei der Großdemonstration auf dem Schwandorfer Marktplatz am 16. Februar 1985. Da war seit knapp zwei Wochen klar: Die WAA soll in Wackersdorf gebaut werden.
 
Der Zaun um das Gelände der Wiederaufarbeitungsanlage wurde zum Symbol. Wie ein Hochsicherheitstrakt wurde die Baustelle abgesichert; die Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei konzentrierten sich entlang der martialischen Absperrung. Archivbilder: Götz (4)
Schwandorf/Wackersdorf. (hou) Die Entscheidung fiel vor 30 Jahren. Am 4. Februar 1985 um 16.51 Uhr erreichte eine Nachricht die Zeitungsredaktionen, der sich entnehmen ließ: "Die WAA wird bei Wackersdorf gebaut." Es war der Aufbruch in unruhige, ja mitunter bürgerkriegsähnliche Zeiten.

Spannung lag in der Luft. Über fünf Jahre lang hatte das Thema "WAA" seit 1979 in der ganzen Oberpfalz und weit darüber hinaus bereits für Diskussionen teilweise sehr heftiger Art gesorgt. Nun sollte die Standortentscheidung fallen. Am Nachmittag des 4. Februar 1985 tagte der Vorstand der "Deutschen Gesellschaft zur Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen" (DWK) in Hannover.

Dabei traf er die Entscheidung, das gigantische Atomprojekt im Taxölderner Forst östlich von Wackersdorf zu errichten. Das löste Unmut aus beim damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht. Er hatte auf den Bau einer deutschen WAA in Dragahn gedrängt. Um 16.51 Uhr kam die erste Eilmeldung von der Standortentscheidung über die Deutsche Presseagentur. Sie erreichte zur gleichen Stunde auch Lokalpolitiker und die damals bereits längst existierende Bürgerinitiative (BI) gegen den Bau einer WAA. Ab dann war klar: Die Zeichen standen auf Sturm, das Startsignal für eine unruhige Zeit war gesetzt. Noch am Abend dieses 4. Februar versammelten sich auf dem Schwandorfer Marktplatz rund 2000 Menschen. Vor ihnen kündigten der Schwandorfer Landrat Hans Schuierer (SPD) und der BI-Sprecher Dieter Kersting "erbitterten Widerstand" an und riefen der Menge zu: "Der Kampf hat erst begonnen!"

"Gemischte Gefühle"

Die Kommentare waren unterschiedlich. "Ein schwarzer Tag für unsere Region", unterstrich Landrat Hans Schuierer. "Diese Standortentscheidung halte ich für gut", sagte der Bundestagsabgeordnete Dr. Dionys Jobst (CSU). "Mit gemischten Gefühlen" las der CSU-Landtagsabgeordnete Manfred Humbs die Nachricht. Sie hatte bei Ministerpräsident Franz Josef Strauß (CSU) in München große Freude ausgelöst, war auch in Wackersdorf beim damaligen Bürgermeister Josef Ebner (SPD) und seinem Gemeinderat mit Zustimmung aufgenommen worden. In Wackersdorf war seinerzeit der Braunkohleabbau eingestellt worden, man brauchte Arbeitsplätze und pochte auf eine Nachfolgeindustrie.



Im Vorfeld dieses 4. Februar hatte Franz Josef Strauß der WAA eine Zuordnung erteilt, die ihm später immer wieder vorgehalten wurde. Sie sei, so der Ministerpräsident, "so harmlos wie eine Fahrradspeichenfabrik." Dass sie das nicht war, wusste er sehr genau. Doch irgendwie sollte wohl der Bevölkerung die Atomanlage schmackhaft gemacht werden. Mit dem massiven Widerstand seitens der Bürgerschaft aber hatten weder Strauß noch seine CSU-Staatsregierung gerechnet.

Das "Selbsteintrittsrecht"

Die Kostenschätzung für die WAA lag bei rund 5 Milliarden Mark. Für die erste atomrechtliche Teilerrichtungs-Genehmigung stellte die DWK Antrag auf Sofortvollzug. Die bayerische Staatsregierung erwies sich dabei als hilfreich. Denn was das Landratsamt ablehnte, wurde auf Anweisung aus München dennoch genehmigt. Das sogenannte "Selbsteintrittsrecht" wurde eigens dazu beschlossen.



Bereits zu dieser Zeit redete Strauß davon, dass Schuierer "zu spuren" habe. Der Landrat konterte, er ließ sich nichts gefallen. Die Bürgerschaft stand hinter ihm. Auch das waren völlig neue Eindrücke für Strauß. Für seinen Widerstand erhielt Schuierer, der übermorgen 84 Jahre alt wird, zahlreiche Auszeichnungen. Den bayerischen Verdienstorden bekam er nie.

1989 zu den Akten

Am 16. Februar 1985 kam es dann auf dem Schwandorfer Marktplatz zu einer ersten Großdemonstration, an der sich Abertausende von Leuten beteiligten. Zu ihnen sprach auch der damalige Grünen-Politiker und spätere SPD-Bundesinnenminister Otto Schily. Damit formte sich der Widerstand endgültig. Er machte europaweit deutlich: Die Oberpfälzer mochten ihre lebens- und liebenswerte Heimat dem hochgefährlichen Atomprojekt nicht opfern. 1989 kam es nach dem Tod von Franz Josef Strauß zu den Akten. Bis dahin waren Hunderttausende an den WAA-Bauzaun gekommen, um ihrem Protest Ausdruck zu verleihen.

Und heute? Die einstige WAA-Baustelle ist längst einem Industriegebiet mit mehreren tausend Arbeitsplätzen und Firmen wie BMW gewichen. Das Monstervorhaben steht nur noch in den Geschichtsbüchern. Hätte man es fertig gebaut, dann wäre - und das ist gewiss - nie Ruhe in der Region eingekehrt. Ein Glücksfall also, dass alles so kam, wie es jetzt ist.
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