Vor 75 Jahren überfiel Hitler die Sowjetunion
„Blitzkrieg“ fordert Millionen Opfer

Grausame Monate: Die deutsche Infanterie im Einsatz bei den Straßenkämpfen um Stalingrad. Archivbild: dpa

Moskau. Es waren die Morgenstunden des 22. Juni 1941: Der nationalsozialistische Diktator Adolf Hitler schickte drei Millionen Soldaten zum Angriff im Osten. Vor 75 Jahren überfiel das Deutsche Reich die Sowjetunion, deren Machthaber Josef Stalin nicht darauf gefasst war. Der zwei Jahre zuvor von Deutschland entfesselte Eroberungskrieg in Europa eskalierte erneut.

Der nackte Terror


Für die Menschen in den überrannten sowjetischen Gebieten, im heutigen Weißrussland, in der Ukraine, im westlichen Teil Russlands, war es der nackte Terror. Sie waren der brutalen, gegen jedes Gesetz verstoßenden Kriegführung Hitlers ebenso ausgeliefert wie der anfänglichen Unfähigkeit Stalins zur Gegenwehr. So viele Menschen die Sowjetunion insgesamt im Zweiten Weltkrieg verloren hat - zu keiner Zeit wurde mehr Leben zerstört als in den ersten Wochen und Monaten des deutschen "Blitzkriegs" im Osten.

Dabei war die Sowjetunion seit 1939 am Krieg beteiligt als Angreifer und Nutznießer. Die Erinnerung im heutigen Russland konzentriert sich auf den Sieg im "Großen Vaterländischen Krieg" 1941-45. Ausgeblendet wird, dass Hitler und Stalin im August 1939 einen Nichtangriffspakt geschlossen hatten. In einem Geheimprotokoll teilten sie den Osten Europas auf. So wie das Deutsche Reich im September 1939 den Westen Polens eroberte, besetzte die Sowjetunion Ostpolen und verleibte sich 1940 die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen ein.

Trotz des Paktes bereitete Hitler einen Krieg gegen die Sowjetunion vor. "Dieser kommende Feldzug ist mehr als nur ein Kampf der Waffen; er führt auch zur Auseinandersetzung zweier Weltanschauungen", sagte er im März 1941. Der Nationalsozialismus sollte den Kommunismus besiegen, die eroberten Gebiete wollte das Dritte Reich besiedeln und ökonomisch ausbeuten. Hitler stimmte seine Armee darauf ein, diesen Feldzug noch brutaler zu führen als die Kampagnen im Westen Europas: "Der Kommunist ist vorher kein Kamerad und nachher kein Kamerad."

Auf sowjetischer Seite hatte Stalin die Verteidigungsfähigkeit dagegen geschwächt. Die Spitze der Roten Armee war dem Terror, dem erbittertem Vorgehen des Diktators gegen echte und vermeintliche Feinde zum Opfer gefallen.

Hektisch und verwirrt


Den drohenden deutschen Angriff wollte Stalin trotz Warnungen seiner Geheimdienste nicht wahrhaben. Nach dem 22. Juni 1941 tauchte er zunächst ab. "Stalin verhielt sich in den ersten Kriegstagen hektisch, er schien verwirrt und reagierte lediglich auf die Entwicklungen, statt selbst die Initiative zu ergreifen", schreibt der russische Historiker Oleg Chlewnujk in einer Stalin-Biografie.

Die Folgen auf dem Schlachtfeld waren verheerend. Die deutsche Wehrmacht stieß fast ungehindert vor. Die sowjetischen Truppen wurden eingekesselt und aufgerieben, ihre Flugzeuge am Boden zerstört. Großstädte wie Kiew und Minsk fielen in die Hand der faschistischen Eroberer. In den ersten Monaten des Feldzugs wurden jeden Tag 21 000 Rotarmisten getötet, verwundet oder gefangen genommen, das haben Militärhistoriker später berechnet. Von den 11,3 Millionen getöteten sowjetischen Soldaten kam mehr als ein Viertel allein in dem halben Jahr bis Ende 1941 ums Leben.

Doch der Feldzug trug von Anfang an den Keim des Scheiterns in sich. Auch die Wehrmacht verlor 1941 eine Million Mann als Tote oder Verwundete im Osten, von denen nur 450 000 ersetzt werden konnten. Vor Moskau und Leningrad kamen die deutschen Truppen schon im Herbst 1941 zum Stehen. In einer gewaltigen Kraftanstrengung warf die Sowjetunion Menschen und Material in den Krieg. Die Rüstungsproduktion wurde hochgefahren, auch mit Hilfe der Westalliierten USA und Großbritannien. Im Winter 1942/43 brachte die Schlacht von Stalingrad die Wende. Ab dann waren die faschistischen Eroberer auf dem Rückzug.

Die sowjetische Armee rückte vor, bis im Mai 1945 Berlin erobert war. Fast 27 Millionen Menschen verlor die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg. "Der Preis des Sieges war hoch", schreibt Kriwoschejew. "Aber die Opfer waren nicht vergebens."

Platzeck: Verpasste ChanceDer Vorsitzende des Deutsch-Russischen Forums, Matthias Platzeck (SPD), hat Bundesregierung und Bundestag vorgeworfen, nur unzureichend an den deutschen Überfall auf die Sowjetunion vor 75 Jahren zu erinnern. Der 22. Juni sei ein "Tag der Weltgeschichte", schrieb Platzeck in einem Gastbeitrag für den Berliner "Tagesspiegel". "Weder im Bundestag noch in Form von Veranstaltungen der Bundesregierung" werde jedoch am Mittwoch der Opfer gedacht. Mit diesem Verhalten vergebe Deutschland "eine historische Chance für unser Verhältnis zu unserem größten Nachbarn in Osteuropa" - vor allem "angesichts der schweren Spannungen". Der Bundestag debattiert am Mittwoch über den Überfall Hitlerdeutschlands - eine offizielle Gedenkstunde ist nicht angesetzt. Bundestagspräsident Norbert Lammert hält darüber hinaus eine Rede bei einer Gedenkveranstaltung in Berlin, die von unterschiedlichen Stiftungen veranstaltet wird. (dpa)
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