"Vor der Einheit kam die Freiheit"

"Als Joachim Gauck zum Akteur der Revolution wird, bringt er eine Waffe mit, die er beherrscht wie kein Zweiter in Rostock: seine Wortmacht." Das schreibt Gaucks Biograf Mario Frank über den früheren Pfarrer (im Bild im Herbst 1989 während einer Fürbittandacht in der Marienkirche in Rostock) und heutigen Bundespräsidenten. Archivbild: dpa

Bundespräsident Joachim Gauck will die deutsche Geschichte anders erzählen. Mit dem Begriff "Wende" kann er nicht viel anfangen. Der 9. Oktober ist für ihn der eigentliche Festtag der Deutschen.

Die "tollen Sachsen", so hat Joachim Gauck später gesagt, haben das Regime in die Knie gezwungen. Damals, am 9. Oktober 1989, waren viele in der DDR mit ihren Gedanken in Leipzig, auch Pfarrer Gauck aus Rostock. Bilder von der Demonstration gab es im DDR-Fernsehen nicht, sie mussten erst in den Westen geschmuggelt werden. In Rostock und anderswo dauerte es deshalb noch etwas, bis der Funke aus Leipzig übersprang. Gauck selbst sollte zehn Tage später das Wort ergreifen. "Ja, der Norden war aufgewacht", schreibt er in seinen Erinnerungen.

Die Montagsdemonstration vom 9. Oktober ist für Gauck das Schlüsselereignis der friedlichen deutschen Revolution. Mit vier Staatschefs kommt er jetzt, 25 Jahre später, als Bundespräsident nach Leipzig.

Die Präsidenten Polens, Tschechiens, der Slowakei und Ungarns hat er eingeladen, gedenkt mit ihnen zusammen bereits seit Monaten der Ereignisse von 1989, in Warschau und in Budapest, morgen in Leipzig und im November auch in Prag und Bratislava. Damals brach ja nicht nur das SED-Regime zusammen, auch in den Ländern Mittel- und Osteuropas war das Ende des Kommunismus gekommen. Dies nur mit dem ökonomischen Niedergang des Ostblocks zu erklären, würde Gauck nicht geltenlassen. Seine Kernthese: Nicht der Mauerfall am 9. November, sondern die friedliche Revolution mit ihrem Höhepunkt am 9. Oktober in Leipzig sind der eigentliche Festtag in der Geschichte der Deutschen. "Vor der Einheit kam die Freiheit", sagt Gauck immer wieder. Das Ende der DDR und die Wiedervereinigung seien undenkbar ohne den Mut der Vielen und Unbekannten, die in Leipzig auf die Straße gingen.

An dieser Geschichtserzählung arbeitet Gauck, der einen gewisse Ungerechtigkeit darüber empfindet, dass mit dem Begriff der "Wende" eine Vokabel der DDR-Mächtigen die Geschichtsbücher und den alltäglichen Sprachgebrauch geprägt hat.

Groß war damals die Angst, dass es in der DDR zu einer Tragödie kommen könnte wie wenige Monate zuvor in China, als Proteste mit Panzern gestoppt und mit Gewalt erstickt wurden. Egon Krenz, der wenige Tage nach dem 9. Oktober das Erbe Erich Honeckers als Staats- und Parteichef antrat, hatte sich eben noch in Peking informiert. Doch in Leipzig fielen keine Schüsse, die DDR-Staatsmacht kapitulierte vor den Massen auf den Straßen.

Vom Kirchturm gefilmt

Der Bundespräsident hat sich viel vorgenommen für diesen Donnerstag. Unter den 1700 Gästen im Leipziger Gewandhaus und später beim Mittagessen mit 250 Teilnehmern werden auch viele Bürgerrechtler sein, nicht nur Prominente, sondern Menschen aus allen Teilen der früheren DDR, auch Leipziger Aktivisten - stellvertretend für alle Mutigen. "Wenn wenige Mutige die vielen Ängstlichen oder Bequemeren ansprechen und mitreißen, dann kann daraus Gewaltiges entstehen, dann können Mauern fallen", sagt Gauck.

Eingeladen sind auch Aram Radomski und Siegbert Schefke, die damals mit ihren Filmaufnahmen von einem Kirchturm aus die Demonstration dokumentierten. Erst einen Tag später waren die Bilder im westdeutschen Fernsehen zu sehen - und damit auch in Rostock.

Dort dauerte es noch zehn Tage, bis die Bewegung "Wir sind das Volk" auch in Rostock die Straßen eroberte. Am 19. Oktober, dem Tag nach dem Rücktritt Honeckers, hatten sich Tausende in und um die Marienkirche versammelt. Joachim Gauck ergriff das Wort. Er stellte seine Predigt unter das Motto "Selbstgerechtigkeit tötet - Gerechtigkeit rettet".

Norbert Robers zitiert den späteren Bundespräsidenten in seiner Gauck-Biografie mit dem Satz: "Der Funke war übergesprungen, Sehnsucht, Glaube und politisches Engagement wurden eins." Und Biograf Mario Frank beschreibt es so: "Als Joachim Gauck zum Akteur der Revolution wird, bringt er eine Waffe mit, die er beherrscht wie kein Zweiter in Rostock: seine Wortmacht."
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