Vor der Stichwahl in Österreich
Zwischen zwei Welten

Der europafreundliche Intellektuelle mit der Aura des "elder Statesman" gegen den smarten Populisten mit dem Motto "Österreich zuerst". Am Sonntag hat unser Nachbarland die Wahl zwischen zwei Extremen.

Wien. Der Kandidat stehe für "Anstand, Besonnenheit und Fairness". Bettina Lancaster, SPÖ-Bürgermeisterin in der 850-Seelen-Gemeinde Steinbach am Ziehberg in Österreich, will kurz vor der Präsidentenwahl noch einmal ein Zeichen setzen - und für Alexander Van der Bellen werben. 136 Bürgermeister - bei einer Gesamtzahl von 2100 Gemeinden - haben sich der überparteilichen Initiative des ehemaligen EU-Kommissars Franz Fischler (ÖVP) angeschlossen. Es ist ein Versuch, speziell auf dem Land zumindest die Nichtwähler für den 72-jährigen Wirtschaftsprofessor zu mobilisieren, der den Grünen nahesteht. Das ist aus Sicht seiner Anhänger auch nötig, denn in kleinen Ortschaften dominierte bei der ersten Stichwahl der FPÖ-Kandidat Norbert Hofer.

Österreich steht bei der Wahl des Staatsoberhaupts vor einer Richtungsentscheidung. Sie hat Signalcharakter auch für die weitere Entwicklung des europaweiten Höhenflugs der Rechtspopulisten mit ihrer feindlichen Haltung gegenüber Migranten. Gewinnt Van der Bellen, bliebe Österreich auf EU-Kurs. Die rot-schwarze Regierungskoalition hätte Zeit für Bewährung gewonnen. Eine FPÖ hätte es schwerer, den Kanzler zu stellen. Denn Van der Bellen will FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache selbst bei dessen Sieg bei den nächsten Parlamentswahlen nicht mit der Regierungsbildung beauftragen.

Gewinnt Hofer (45), droht zwar kein Austritt aus der EU, aber eine fundamental europakritische Haltung in Österreich. Der gelernte Flugzeugtechniker will sich, anders als seine Vorgänger, in die Tagespolitik einmischen und der Regierung speziell in Fragen der Migration auf die Finger schauen. Obendrein wäre sein Sieg wohl nur eine Etappe auf dem Weg der FPÖ ins Kanzleramt.

Kaum Unentschlossene


"Die meisten Menschen haben sich schon lange entschieden", sagt Florian Oberhuber vom Meinungsforschungsinstitut Sora. Die Experten erwarten keine große Dynamik zwischen den beiden Lagern. "Es kommt tatsächlich auf jede einzelne Stimme an", sagt er mit Blick auf den knappen Van-der-Bellen-Sieg vom Mai. Der Kreis der Unentschlossenen gilt mit nur wenigen Prozent als klein. Wichtigstes Wahlmotiv: Der Blick in die Zukunft. Unter den Pessimisten hat Hofer dem Sora-Institut zufolge einen 50-Prozentpunkte-Vorsprung, unter den Optimisten liegt Van der Bellen 40 Prozentpunkte vor Hofer.

Hofer in Umfragen vorn


Die Umfragen sagen seit Monaten ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit leichten Vorteilen für Hofer voraus. Zumindest die Stimmen vieler in der Wirtschaft hat Van der Bellen ziemlich sicher, die Industriellenvereinigung ist für ihn. Der rhetorisch versierte Hofer sowie sein Parteichef Strache haben in jüngster Zeit versucht, ihre Anti-EU-Haltung abzuschwächen. Auch in der Ausländerfrage ist Hofer nicht unbedingt der klassische Scharfmacher. Vor der ersten Stichwahl im Mai nannte Hofer die Migranten noch "Invasoren". Dieser Ausdruck kam ihm nun nicht mehr über die Lippen.

Die Entscheidung am Sonntag ist eine Etappe auf dem Weg zur möglichen Umgestaltung der politischen Landschaft in Österreich. 2017 und 2018 stehen vier Landtagswahlen an. Obendrein ist eine vorgezogene Neuwahl und damit das Ende der rot-schwarzen Koalition nicht ausgeschlossen. Nicht von ungefähr wollen die Sozialdemokraten ihr Verhältnis zur FPÖ überdenken.

Der erste VersuchDie erste Stichwahl vom 22. Mai hatte der den Grünen nahe stehende Alexander Van der Bellen mit nur 30 863 Stimmen Vorsprung gegen den FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer gewonnen. Van der Bellen bekam 50,35 Prozent der Stimmen, Hofer erreichte 49,65 Prozent. Dabei hatte Van der Bellen vor allem in den Städten und deren Umland gepunktet, wo er rund 20 Prozentpunkte mehr einfuhr als sein politischer Kontrahent. In allen neun Landeshauptstädten war der Ex-Grünen-Chef vorn. Der 45-jährige Hofer dagegen kam mit seiner ausländerkritischen Kampagne auf dem Land bestens an. In grenznahen Gemeinden wählten ihn bis zu 80 Prozent der Bürger.

Die Wahl war jedoch vom höchsten Gericht annulliert worden, weil sich Behörden bei der Auszählung nicht genau an die Vorschriften gehalten hatten. (dpa)
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