"Weihnachtswunder" von Kabul

Sport und Sportlichkeit können alle Grenzen überwinden. Sie können alles überwinden, was Menschen trennt.

Es war der friedlichste Moment des Ersten Weltkriegs. An Weihnachten 1914 legten die Soldaten in Flandern die Waffen nieder, um Fußball zu spielen. Im afghanischen Kabul gab es jetzt eine Neuauflage des "Weihnachtswunders".

Es war ein Fußball-Länderspiel der ganz besonderen Art: Statt der Nationalhymnen von Deutschland und Großbritannien stimmten die Spieler vor dem Anpfiff gemeinsam "Stille Nacht" an. Beide Mannschaften gingen in Kampfstiefeln und Uniform statt Stollenschuhen und Trikots in das Match. Und dann musste das Spiel auch noch unterbrochen werden, weil ein amerikanischer "Black Hawk"-Hubschrauber mitten auf dem Spielfeld landete.

Was britische und deutsche Soldaten da an Heiligabend im Hauptquartier der internationalen Afghanistan-Schutztruppe Isaf in Kabul veranstalteten, hatte einen historischen Anlass. Vor genau 100 Jahren, an Weihnachten 1914, legten deutsche, britische und französische Soldaten in den Schützengräben von Flandern für einige Stunden ihre Waffen nieder - und spielten Fußball miteinander.

Der wohl friedlichste Moment des Ersten Weltkriegs ging als "Weihnachtsfrieden" oder "Weihnachtswunder" in die Geschichte ein. In den vergangenen Wochen wurde bereits mit Fußballspielen und -turnieren in England und Belgien an das historische Ereignis erinnert. Wo sich einst die Schützengräben befanden, enthüllte Uefa-Präsident Michel Platini vor wenigen Wochen sogar ein Denkmal.

3:0 für die Briten

Eine Neuauflage des "Weihnachtswunders" an Weihnachten selbst gab es aber nur in Afghanistan, wo seit 13 Jahren deutsche und britische Soldaten gemeinsam gegen die radikalislamischen Taliban kämpfen. "Damals waren wir Feinde, jetzt sind wir Freunde auf derselben Seite", sagt Bundeswehr-Oberst Frank Graefe. Der Luftwaffen-Kommodore und Mittelfeldspieler hatte zusammen mit anderen die Idee für die Neuauflage des "Weihnachtswunders". Inspiriert wurde er durch den Spielfilm "Merry Christmas" mit Daniel Brühl über das historische Ereignis.

Mit dem Hubschrauberlandeplatz, der sonst von den amerikanischen Kameraden für Baseball und American Football genutzt wird, war schnell ein Spielfeld gefunden. Mit Spielunterbrechungen musste so aber gerechnet werden. Einen anderen Landeplatz gibt es in dem Camp nicht. An Bord des "Black Hawk" war übrigens US-Senator John McCain, der die amerikanischen Truppen zu Weihnachten besuchte. Bei der Kleidung einigte man sich auf einen Kompromiss: Eine Halbzeit normale Fußballkleidung und eine Halbzeit Kampfmontur. Die Soldaten damals hätten schließlich auch in ihren Uniformen gespielt, sagt Graefe zur Begründung.

Die Briten kamen mit den ungewöhnlichen Bedingungen deutlich besser zurecht als die Deutschen. Am Ende stand es 3:0 für sie. Gefeiert wurde trotzdem zusammen - allerdings in Maßen. Normalerweise herrscht im Hauptquartier der Isaf striktes Alkoholverbot. Diesmal gab es eine Ausnahme: Sieger und Verlierer durften mit einem Glas Glühwein anstoßen.

Kein Waffenstillstand

Nur eines fehlte bei der Neuauflage des "Weihnachtsfriedens": Frieden ist am Hindukusch nicht in Sicht. Und einen Waffenstillstand mit den Taliban gibt es über die Feiertage auch nicht. Aber zumindest für 90 Minuten konnten die Soldaten im Isaf-Hauptquartier am Heiligabend die bittere Kriegsrealität verdrängen. Dem stellvertretenden Kommandeur der Isaf, dem deutsche Generalleutnant Carsten Jacobson, gab das Spiel Hoffnung: "Sport und Sportlichkeit können alle Grenzen überwinden", sagt er. "Sie können alles überwinden, was Menschen trennt."
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