Wenig Jobchancen ohne Bildung
Scheitern an der Schule

"Warum sollte ich jeden Tag acht Stunden in der Schule sitzen, wenn es auch so geht?" Zitat: Adrian (24), brach mit 18 Jahren die Schule ab. Jetzt holt er das Abitur nach.

Null Bock auf Schule? Falsche Weichenstellungen? Mangelnde Unterstützung? Ohne Abschluss droht ein hartes Leben mit wenig Chancen. Doch Beispiele zeigen: Es gibt auch Auswege.

Berlin. Mit 18 hatte Adrian genug von der Schule. "Ich war in einer echten Null-Bock-Phase", sagt der junge Mann mit der Igelfrisur. "Warum sollte ich jeden Tag acht Stunden in der Schule sitzen, wenn es auch so geht?" Also pfiff er auf einen weiterführenden Abschluss - und freute sich über selbst verdientes Geld. Doch Adrian merkte: Die Jobs, die er bekam, waren eintönig und ohne Perspektive.

Wie Adrian geht es vielen zehntausend jungen Menschen in Deutschland. Trotz überwiegend guter Noten fürs deutsche Bildungs- und Ausbildungssystem und vielen Chancen für die jungen Leute ist der Anteil der Bildungsverlierer hoch, wie eine neue große OECD-Studie zeigt.

Rund 50 000 Schüler verlassen die Schule ohne Abschluss, laut Bundesregierung zuletzt 5,8 Prozent. OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher sieht Abitur oder Berufsabschluss als Voraussetzung für weitere berufliche Chancen an - aber: 13 Prozent der Menschen zwischen 25 und 34 hätten keines von beiden. Und das seit Jahren unverändert. Dabei steht laut Schleicher fest: "Diejenigen, die gut gebildet sind, haben in Deutschland bessere Lebenschancen." Insgesamt bekommt Deutschland gute Noten der OECD für sein Bildungswesen, die Investitionen in Schulen, die Lehrergehälter. In wenigen Ländern sind so viele junge Leute in Bildung, Ausbildung oder Beschäftigung. Und doch: "Es wäre fatal, wenn wir uns damit zufriedengeben", sagt Bildungsministerin Johanna Wanka. Bei gerechten Bildungschancen gebe es Luft nach oben.

Adrian hat am eigenen Leib erfahren, was es heißt, ohne Qualifikation in die Berufswelt zu wechseln. "Jedes Jahr hatte ich einen neuen Job, manche waren auf sechs Monate befristet", sagt der 24-jährige Berliner. Oft waren es Fließbandjobs. Mit den Jahren wuchsen der Frust und die Sorgen, wie es weitergeht. Nun ist er untergekommen in der Berliner Einrichtung "Chance", die Menschen bis 25 Jahren zum mittleren Schulabschluss führt. Adrians Ziele: Abitur - und ein abwechslungsreicher Beruf.

Hat man einen Abschluss, sind die Chancen gut: Von den Abiturienten und Absolventen entsprechender Berufsbildungsgänge sind nur 4,3 Prozent arbeitslos - bei Akademikern und Absolventen einer hohen Ausbildung nur 2,3 Prozent. Mit einem Bachelor oder einer Meister- oder Technikerausbildung winken im Schnitt auch 50 Prozent mehr Gehalt als mit Realschulabschluss oder Ausbildung.

"Ohne Schule kommst Du nicht weit." Heute ist sich Sila (21) da sicher. Als Jugendliche war ihr das ziemlich egal. "Ich hatte keine Lust mehr auf Schule, ich hatte kein Ziel." Stattdessen legte sie erstmal eine "Selbstfindungsphase" ein, wie sie sagt. Einfach schulfrei? "Am Anfang war das gut", so Sila. "Doch dann ist mir die Decke auf den Kopf gefallen."

"Heute will ich es selbst"


Also suchte sie Arbeit. Sie half in in der Pflege, bis es nicht mehr ging. Rückenschmerzen machten ihr zu schaffen - und fehlende Perspektiven. Außer Deutsch und Türkisch spricht Sila auch Englisch - nun lernt sie jeden Tag, um den mittleren Abschluss, dann das Abitur nachzuholen. "Früher hieß es: Ich muss, muss, muss - heute will ich es selbst."

Für Schleicher ist klar: Die Zahl der Menschen ohne qualifizierten Abschluss zu drücken, ist nicht leicht. Man müsse sehr früh investieren - schon in Kitas. Da gibt es Hoffnung: Bereits 94 Prozent der Dreijährigen besuchen eine Kita. Besonders wichtig - sagt Schleicher - ist das bei den Kleinsten mit ausländischen Wurzeln. Sie schneiden im Bildungssystem oft schlechter ab. (Kommentar)

Warum sollte ich jeden Tag acht Stunden in der Schule sitzen, wenn es auch so geht?Adrian (24), brach mit 18 Jahren die Schule ab. Jetzt holt er das Abitur nach.
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