Werte der Parteien in Umfragen "wie festzementiert": Ein bemerkenswertes Phänomen, finden ...
Zeit der Beständigkeit

Die Bundeskanzlerin ist die Inkarnation der Beständigkeit und der Verlässlichkeit. Sie ist die Burg, in die wir uns gerne flüchten.
Die Ergebnisse der Sonntagsfrage können sehr spannend sein. Sie zeigen die politische Stimmungslage im Land und geben Aufschluss darüber, wo Schwarz, Rot, Gelb oder Grün gerade in der Gunst der Wähler stehen. Doch derzeit tut sich kaum etwas bei der Antwort auf die Frage "Welche Partei würden Sie wählen, wenn am kommenden Sonntag Bundestagswahl wäre?". Seit der Wahl im September 2013 sind die Umfrageergebnisse ungewöhnlich konstant. "Es ist wie festzementiert", sagt der Geschäftsführer von Infratest dimap in Berlin, Richard Hilmer.

Politikforscher Torsten Schneider-Haase von TNS Emnid in Bielefeld spricht von einer historisch gesehen relativ langen Phase von Erstarrung. "De facto gibt es natürlich immer einen kleinen Austausch, aber das ist zurzeit relativ ausgeglichen." Die Union kam bei der Bundestagswahl im Jahr 2013 auf 41,5 Prozent, bei der SPD waren es 25,7 Prozent - die Umfragen sehen sie seither Mal für Mal bei ähnlichen Werten. In den Feinheiten gibt es zwar schon die ein oder andere Veränderung, wie der Leiter der Forschungsgruppe Wahlen in Mannheim, Matthias Jung, betont. "Aber wir bewegen uns da bei Abweichungen von wenigen Prozentpunkten, die großteils im statistischen Fehlerbereich liegen." Einzig bei AfD und FDP sehen die Meinungsforscher nennenswerte Veränderungen - bei der Alternative für Deutschland den Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde, bei den Liberalen ein weiteres Absinken in die Bedeutungslosigkeit.

Die Kanzlerin als "Burg"

Jung führt die immer gleichen Werte bei den anderen Parteien auf die "ruhige politische Landschaft" in Deutschland zurück: keine großen Verwerfungen und eine lang anhaltende Zufriedenheit der Bürger mit der Bundesregierung, die es so zuvor nur in der Schlussphase der schwarz-roten Koalition im Jahr 2009 gegeben habe. Zumal: Die Mehrheit der Deutschen hat die jetzige Große Koalition gewollt. Einen großen Anteil an der Zufriedenheit und der Konstanz in den Umfragen führen die Forscher auf Angela Merkel (CDU) zurück. "Die Bundeskanzlerin ist die Inkarnation der Beständigkeit und der Verlässlichkeit. Sie ist die Burg, in die wir uns gerne flüchten", sagt Hilmer. Mit Blick auf die Bundespolitik herrsche die Stimmung: "Wir haben das gewählt, wir stehen dazu und finden es weiterhin gut."

Einiges, was sonst nach Wahlen beobachtet wird, ist diesmal ausgeblieben. "Unmittelbar nach der Regierungsbildung gab es in der Vergangenheit zumeist einen Abwärtstrend bei der Zufriedenheit mit dem jeweiligen Wahlgewinner", sagt Meinungsforscher Jung. Wie lange die Erstarrung noch anhalte, hänge von der politischen Entwicklung ab. "Wenn es zu einer großen Katastrophe kommt, und eine Regierung kann nicht adäquat darauf reagieren, dann kann es in der Tat ein Problem geben. Aber das ist jetzt völlig spekulativ."

Anschläge von Islamisten, Links-Ruck in Griechenland, Ukraine-Krise: Gründe, sich Sorgen zu machen, hätte das deutsche Wahlvolk genug. Doch der Blick auf die Stabilität im eigenen Land beruhigt. Die Wirtschaft in der Bundesrepublik laufe rund, und die Bürger empfänden das auch so, sagt Geschäftsführer Hilmer von Infratest dimap. Es gebe zwar Befürchtungen, die Lage könne sich ändern, aber die seien wenig konkret. "Zuwanderung ist das einzige innenpolitische Thema, das die Menschen bewegt - und das auch nur in Maßen."

Interesse an Politik gering

Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen sieht noch einen anderen gesellschaftlichen Grund für das Phänomen der Konstanz: Das Interesse der Bürger an Politik sei schon seit Längerem nicht mehr so stark ausgeprägt - der Individualismus gelte als wesentliches Motiv für viele Bevölkerungsschichten. "Wenn die Politik leidlich funktioniert, dann gibt sich ein großer Teil der Bevölkerung damit zufrieden, und ansonsten kümmern sich die Menschen um das, was sie selbst interessiert."
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