Wie der Vater, so der Sohn

Justin Trudeau und seine Frau Sophie winken in Montreal ihren Anhängern zu. Als künftiger kanadischer Premier tritt er in die Fußstapfen seines Vaters Pierre. Dieser regierte mit einer Unterbrechung zwischen 1968 und 1984. Bild: dpa

Nach fast zehn Jahren erlebt der konservative Premier Harper ein Fiasko. Er muss sich seinem jungen liberalen Herausforderer Trudeau geschlagen geben. Aber kann der Sohn eines früheren Premiers die hohen Erwartungen erfüllen?

Umringt von seiner Frau und seinen beiden Kindern verlässt Stephen Harper die Bühne. Sein Sohn Benjamin legt ihm den Arm um die Schultern. Nach fast zehn Jahren an der Macht hat der konservative kanadische Premier gerade den schwersten Gang seiner Karriere hinter sich. "Das Ergebnis ist sicher nicht das, was wir uns erhofft hatten", sagte der weißhaarige 56-Jährige in der Nacht zum Dienstag in der zentralkanadischen Öl-Metropole Calgary vor Hunderten Anhängern.

"Aber das Volk hat immer Recht. Wir haben alles auf den Tisch gelegt, wir haben alles gegeben, und wir bereuen nichts", ergänzt Harper. Laute Rockmusik tönt durch den Saal, aber der Jubel von Harpers Anhängern wirkt getrübt. Mehr als 60 Sitze hat die Konservative Partei Prognosen zufolge bei der Parlamentswahl verloren, hat nur noch 99 der 338 Sitze erringen können nach 166 bei der letzten Wahl 2011. Ein denkwürdiges Debakel. Umfragen hatten derartiges angedeutet, aber dass es so extrem kommen würde, hatten Beobachter nicht erwartet - und wohl auch der liberale Newcomer und designierte neue Premier Justin Trudeau nicht.

Der tritt rund 3000 Kilometer weiter östlich in Montréal vor seine Anhänger und strahlt. Neben ihm lächelt seine Frau Sophie Gregoire in die Kameras, eine TV-Moderatorin und Yoga-Lehrerin. Knapp über 30 Sitze hatte Trudeaus Liberale Partei bei der Wahl 2011 bekommen, dieses Mal sind es mehr als 180, das reicht für eine Mehrheitsregierung. Der Stimmanteil hat sich von rund 20 auf knapp 40 Prozent verdoppelt. "Ich werde der Premier aller Kanadier sein", verspricht der 43-Jährige. "Es ist Zeit für Veränderungen in diesem Land, echte Veränderungen."

Höhere Steuern für Reiche, "positive Politik" für die Mittelklasse, Schulden aufnehmen zum Ankurbeln der Wirtschaft, mehr Umwelt- und Klimaschutz, bessere Zusammenarbeit mit den Provinzregierungen und den Interessenvertretern der Ureinwohner - hat Trudeau fast das Gegenteil von dem versprochen, was Harper zehn Jahre lang praktiziert hat. Besonders beliebt war der bisherige Premier, der nach der Wahlniederlage auch den Parteivorsitz abgab, nie. "Ich bin so froh, dass wir Harper endlich los sind. Mit ihm hat Kanada einfach nur stagniert", sagt eine 25-jährige Geschichtsstudentin und Trudeau-Wählerin in Toronto. "Auf Trudeau lasten jetzt natürlich große Erwartungen. Die wird er nicht alle erfüllen können, aber er wird es besser machen als Harper."

In den vergangenen Monaten hatte sich eine Anti-Harper-Stimmung breit gemacht - doch seine Gegner waren sich zunächst nicht einig, wen sie stattdessen wählen sollten. Noch vor wenigen Wochen hatten die Umfragen deshalb ein anderes Bild vorhergesagt. Konservative, Liberale und die sozialdemokratische Neue Demokratische Partei (NDP) lagen Kopf an Kopf. Doch Anfang Oktober gelang Trudeau eine leichte Führung in den Umfragen. Die NDP landete schließlich weit abgeschlagen auf dem dritten Rang - der große Verlierer der strategischen Stimmabgabe der Anti-Harper-Wähler.

Der Name des neuen Premiers klingt für viele Kanadier vertraut: Schon Trudeaus 2000 gestorbener Vater Pierre war mit einer Unterbrechung zwischen 1968 und 1984 Premierminister Kanadas.
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