Wie die NPD einen Bürgermeister in Sachsen-Anhalt zum Rücktritt nötigte
"Wir sind kein radikales Nest"

Markus Nierth (parteilos) ist von seinem ehrenamtlichen Posten als Bürgermeister einer kleinen Gemeinde in Sachsen-Anhalt zurückgetreten. Jetzt ist er ein begehrter Gesprächspartner der Medien. Bild: dpa
Sachsen-Anhalt will ehrenamtliche Bürgermeister besser schützen. Der Rücktritt des Tröglitzer Ortsbürgermeisters Markus Nierth wegen einer angekündigten Rechten-Demo vor seinem Haus sende sei ein fatales Signal, sagte Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) am Montag in Magdeburg. So etwas dürfe sich nicht wiederholen. Bis kommende Woche wolle er anordnen, dass die zuständigen Landkreise und kreisfreien Städte Demonstrationen vor den Häusern ehrenamtlicher Politiker verbieten.

Nierth war zurückgetreten, weil er sich und seine Familie unzureichend geschützt sah. Rechtsextreme hatten vor seinem Haus gegen die Unterbringung von Flüchtlingen in dem Ort demonstrieren wollen. Im Interview schildert der Parteilose die Hintergründe und seine Befürchtungen.

Wann sind Sie das erste Mal mit der NPD aneinandergeraten?

Markus Nierth: Ich will betonen, dass ich nicht aus Angst und Druck vor Rechtsradikalen zurückgetreten bin. Mir fehlte der gesellschaftliche Mindestschutz. Darüber bin ich enttäuscht. Der Landkreis hat es nicht geschafft, die Demonstration vor dem Haus meiner Familie zu verhindern. Seit mehreren Wochen wird in Tröglitz ähnlich wie bei Pegida in Dresden demonstriert. Am Anfang waren unter den 90 Demonstranten noch etwa 60 Tröglitzer, besorgte Bürger. Inzwischen fährt die NPD viele Unterstützer heran, unter den Demonstranten sind nur noch wenige echte Tröglitzer. Meine Frau und ich wurden zur persönlichen Zielscheibe.

Tröglitz ist also kein braunes Nest?

Nierth: Nein, wir sind kein radikales Nest. Aber es fehlen die Sozialstrukturen. Dass im Ort 40 Asylbewerber untergebracht werden sollen, hätte anders vorbereitet werden müssen. So wurde die Politikverdrossenheit noch verstärkt.

Gibt es für Sie einen Weg zurück ins Amt?

Nierth: Ich liebe mein Tröglitz. Aber es fehlt der Rückhalt aus der anständigen Menge. Bislang fühle ich mich als allein rotierender Motor, an dessen Seite eine Handvoll Leute sind, die mitziehen. Die Menschen müssten aufstehen und aktiver werden. Von den Parteien fühle ich mich alleingelassen. Außerdem bräuchte ich die Rechtssicherheit, dass mein privates Wohnhaus geschützt wird. Ich wäre nicht zurückgetreten, wenn ich die Rechtssicherheit gehabt hätte. Ich als kleiner Ortsbürgermeister bin geopfert worden.
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