Wie reagiert Israel auf das Blutbad von Tel Aviv?
Attentäter in Nadelstreifen

Das Max-Brenner-Restaurant im Sarona-Park in Tel-Aviv. Auf dem Vorplatz des Cafés eröffneten die beiden palästinensischen Attentäter das Feuer und töteten vier Menschen. Bild: dpa

Erst bestellten sie ein süßes Dessert, dann zogen sie ihre Schusswaffen aus Koffern. Zwei palästinensische Attentäter haben im idyllischen Sarona-Park in Tel Aviv vier Menschen erschossen. Kommt jetzt eine härtere Reaktion des neuen Verteidigungsministers?

Tel Aviv. Am Morgen nach dem tödlichen Anschlag in Tel Aviv sind kaum noch Spuren des Blutbads zu sehen. Ein Mann wischt im Café Max Brenner im Sarona-Park den Boden mit viel Wasser. Hier haben am Abend zuvor zwei palästinensische Attentäter gesessen und sogar noch Schokoladendessert bestellt. "Sie trugen Anzüge und sahen aus wie Geschäftsmänner", erzählt ein Kellner aus dem Café direkt nebenan. "Plötzlich haben sie aus Koffern ihre Waffen gezogen und aus nächster Nähe auf andere Gäste geschossen", erzählt der 22-jährige Tal Scharabi am Donnerstag. "Wir stehen alle noch unter Schock."

Polizei hatte gewarnt


"Wir hätten nie gedacht, dass so etwas hier, an diesem belebten Ort passieren könnte, den auch so viele Touristen besuchen", sagt Scharabi. Ganz so unerwartet kam der Anschlag zu Beginn des muslimischen Fastenmonats Ramadan allerdings nicht. Die Polizei hatte bereits vor ein paar Wochen gewarnt, das aufwendig restaurierte alte deutsche Templerdorf sei nicht sicher genug. Sie hatte wegen der Sicherheitslücken sogar die Schließung des beliebten Sarona-Parks gefordert.

Der Anschlag zerstört die Illusion vieler Israelis, die im Oktober begonnene palästinensische Gewaltwelle sei wieder abgeebbt. Das leichtlebige Tel Aviv wird gerne als "Blase" beschrieben, die mit dem Rest des konfliktgeplagten Landes wenig zu tun hat. Den Einwohnern der schillernden Küstenmetropole wird oft vorgeworfen, sie seien vergnügungssüchtig und blendeten Probleme einfach aus. Seit Beginn einer Welle palästinensischer Anschläge wurde Tel Aviv allerdings schon mehrmals zum Ziel tödlicher Attacken. Die Tat in Sarona forderte bisher die meisten Todesopfer: Zwei Frauen und zwei Männer im Alter von 32 bis 58 Jahren.

Die Attentäter hatten auf die Cafébesucher geschossen und waren dann aus dem Park gerannt. Einer von ihnen wurde von einem Polizisten mit Schüssen verletzt, der andere unverletzt gefasst. Maurice Tzorf saß mit seiner Familie in einem Café. "Plötzlich fielen Schüsse, einer der Terroristen rannte direkt an uns vorbei", erzählt der Übersetzer auch deutscher Texte. "Ein Polizist folgte ihm mit gezogener Waffe, wir dachten erst, hier wird gerade gefilmt. Aber es gab kein Kamerateam." Der Polizist habe nach einer Warnung mehrere gezielte Schüsse auf den Attentäter abgefeuert. "Danach war da die Hölle los, wir saßen zwei Stunden in dem Café fest, weil alles abgesperrt war, solange nicht klar war, dass es keinen dritten, flüchtigen Terroristen gab."

Es ist der erste Anschlag in Israel, seitdem der ultrarechte Avigdor Lieberman das Amt des Verteidigungsministers übernommen hat. Wird der 57-Jährige seine martialischen Drohungen gegen die Palästinenser jetzt in die Tat umsetzen? Er hatte dem rechtsorientierten Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu immer wieder vorgeworfen, sein Vorgehen nach Anschlägen sei zu lasch.

"Das Leben geht weiter"


Barak Ben Zur, ehemaliger Leiter der Forschungsabteilung des Inlandsgeheimdienstes Schin Bet, hält ein radikales Vorgehen Liebermans für eher unwahrscheinlich. "Bei früheren rechtsorientierten Regierungen in Israel war es immer so: Wenn es einen Konflikt zwischen Realität und Ideologie gab, hat letztlich der pragmatische Ansatz gesiegt", erklärt er. Dies sei etwa bei dem ehemaligen Regierungschefs Ariel Scharon so gewesen. Er rate jedoch von einer kollektiven Bestrafung jener ab, "die nicht aktiv an Terroranschlägen beteiligt sind".

In Tel Aviv wollen die Menschen nach dem schockierenden Vorfall so schnell wie möglich zum Alltag zurückkehren. In den beiden betroffenen Cafés in Sarona sitzen am Morgen schon wieder einige Kunden. "Wir haben uns dieses Land ausgewählt", sagt Kellner Scharabi. "Das Leben geht weiter, es muss einfach."
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