Wirtschaftliche Interessen, Sicherheitspolitik, Menschenrechte: Horst Seehofer bewegt sich auf ...
Kein Oberlehrer im Reich der Scheichs

Ministerpräsident Horst Seehofer (links) überreicht in Doha (Katar) einen bayerischen Löwen als Abschiedsgeschenk an Hassan Al-Thawadi, Mitglied in einem WM-Organisationskomitee. Bild: dpa
Kurz vor dem Abendempfang in der deutschen Botschaft in Doha muss sich Horst Seehofer plötzlich um alles gleichzeitig kümmern. Tags zuvor war der bayerische Ministerpräsident beim saudischen König Salman in Riad, zum Abschluss seiner Arabien-Reise am Dienstag trifft er in Doha den Emir von Katar. Doch am Montagabend holt ihn, fernab der Heimat und mitten im teilweise futuristisch anmutenden Doha, die Berliner Politik ein: dringendes Telefonat mit Kanzlerin Angela Merkel. Der für Donnerstag geplante Koalitionsausschuss muss verschoben werden - wegen des EU-Sondergipfels zur Flüchtlingstragödie auf dem Mittelmeer.

Trotz Hitze in bester Laune

Es ist nur eine kleine Szene auf Seehofers dreitägiger Arabien-Reise, doch diese zeigt beispielhaft: Hier muss einer mit ganz vielen Bällen gleichzeitig jonglieren. Die Reformbaustellen in der Berliner Koalition, das Dauer-Hickhack zu Hause im Landtag, die Suche nach den vier künftigen stellvertretenden CSU-Vorsitzenden und nun auch noch ein wenig Weltpolitik: Die Bälle wirbeln nur so durch die Luft.

Auch wenn in den vergangenen Wochen mancherorts von einer gewissen Angeschlagenheit Seehofers die Rede gewesen sein mag: An den drei Tagen in der heißen Sonne von Arabien präsentiert sich der 65-Jährige in bester Laune. Das Gezerre mit der Opposition im Landtag, die ewig schwelende Debatte in der CSU um seine Nachfolge, die aufstrebenden Kronprinzen - alles ist hier plötzlich ganz weit weg. Und das genießt Seehofer sichtlich. Souverän absolviert er Termin um Termin, eilt von Minister zu Minister. Auf seiner - so hat er im Flugzeug vorgerechnet - 40. Auslandsreise hat er aber auch eine politisch heikle Botschaft an König Salman im Gepäck: dass er Rüstungsexporte nach Saudi-Arabien unterstützt. Die Grünen zu Hause toben.

Doch Seehofer lässt sich davon nicht stören - im Gegenteil. Kurz bevor er von Riad nach Doha weiterfliegt, wirbt er in warmen Worten für mehr Verständnis gegenüber dem Königreich. Saudi-Arabien habe eine andere Geschichte, eine andere Kultur. "Deshalb sollten wir in Deutschland nicht als Oberlehrer auftreten." Und dann fügt Seehofer sogar noch hinzu: Vieles, was in Deutschland über Saudi-Arabien gesagt werde, auch im Hinblick auf Menschenrechte, sei "jenseits der Realität".

Oman muss ausfallen

Der Menschenrechtsbericht der Bundesregierung spricht eine andere Sprache. Und tatsächlich gelten im Königreich Regeln aus einer anderen Welt: Frauen dürfen nicht Autofahren, sie müssen in Restaurants getrennt essen - und eine Abaya, ein langes Gewand tragen. Augenkontakt zwischen Männern und Frauen ist zu vermeiden.

In Katar, wo 2022 die Fußball-WM stattfinden wird, geht es immerhin ein wenig liberaler zu - auch wenn es hier ebenfalls weder Parteien noch Gewerkschaften gibt. Auch die Arbeitsbedingungen für die vielen Billigarbeiter aus dem Ausland im reichen Katar sind fragwürdig.

Seehofer sieht aber nur die schönen Seiten, die Hauptstadt Doha mit ihrer spektakulären Skyline. Hier wird er am Dienstag vom jungen Emir empfangen. Kritik an Katar, etwa wegen der Lage der Arbeiter, weist Seehofer pauschal zurück. "Wir reden da über die Realität und nicht über die Wahrnehmung, die manche haben." Die eigentlich geplante dritte Station - der Oman - entfällt. Seehofer will heute ausgeruht in Berlin sein: Verhandlungen innerhalb der Union über die Neuordnung der Bund-Länder-Finanzen.

Und weil dieser Termin unmittelbar bevorsteht, muss Seehofer auf seiner Arabien-Reise nicht nur mit weltpolitischen, sondern auch mit innenpolitischen "Bällen" jonglieren - und zwar mit mehreren gleichzeitig. Länderfinanzausgleich, Energiepolitik, Erbschaftsteuer, Zuwanderung, Mindestlohn-Bürokratie - diese fünf Punkte, die bis zum Sommer in der Berliner Koalition gelöst werden müssten, zählt Seehofer auf. Und gibt sich nur begrenzt optimistisch. Bei mehreren geplanten Reformen sei man von einem Konsens noch ein großes Stück entfernt, warnt er. "Das alles ist noch sehr, sehr schwierig."
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