Zwei Schritte vor, einer zurück

Auch der emeritierte Papst Benedikt XVI. (links) kam zum Abschlussgottesdienst der außerordentlichen Familiensynode. Papst Franziskus begrüßte ihn mit einer herzlichen Umarmung. Bild: dpa

Von einem Erdbeben in der katholischen Kirche war schon die Rede. Ein neuer Ton gegenüber Homosexuellen und Geschiedenen wurde vernommen. Zwar ist die Weltkirche nun erst einmal wieder zurück in der Realität. Doch der Papst hat einiges in Gang gebracht.

Daniel Rademacher, dpa Homo-Ehe, Verhütung, Scheidung - jahrelang standen diese Themen in der katholischen Kirche nicht zur Debatte. Auch wenn zum Ende der zweiwöchigen Synode im Vatikan die mitunter erhoffte Wende ausblieb - mit der offenen und kontroversen Diskussion darüber scheint etwas in Gang gekommen zu sein. Das wurde vor allem zum Ende klar: Auf ausdrücklichen Wunsch von Papst Franziskus veröffentlichte der Vatikan - wo sonst sogar die Stimmkarten bei der Papstwahl verbrannt werden - die einzelnen Abstimmungsergebnisse des Berichts. Die zeigen schwarz auf weiß: Zwar gibt es keinen breiten Konsens, aber die Themen liegen auf dem Tisch.

Das dürfte vor allem ein Verdienst von Franziskus sein, der die Bischöfe ganz zu Beginn ihrer Beratungen eindringlich gebeten hatte, offen zu sprechen und auch genau zuzuhören. In seiner Predigt am Sonntag zur Seligsprechung von Papst Paul VI. sagte er zudem: "Gott hat keine Angst vor dem Neuen. Darum überrascht er uns ständig, indem er ungeahnte Wege vor uns auftut und uns zu ihnen hinführt." Auch in seiner Ansprache vor den Bischöfen zum Abschluss der Familiensynode lobte er die "emotionalen Diskussionen" - und bekam von den Teilnehmern minutenlangen Applaus.

Ohne Zwei-Drittel-Mehrheit

Zuvor hatten die knapp 200 "Synodenväter" aus aller Welt Punkt für Punkt über das Abschlussdokument der Synode abgestimmt. In der großen Mehrheit der Themen erzielten sie Einmütigkeit, votierten mindestens mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit dafür. Nicht so bei den Punkten 52, 53 und 55, die sich um den Umgang der Kirche mit Homosexuellen und Geschiedenen drehen. Zwar steht auch hier eine Mehrheit der Bischöfe hinter den Formulierungen, aber eben keine "qualifizierte".

Die Zahlen sind wichtig, denn ohne die Zwei-Drittel-Mehrheit wird nicht die Haltung der Synode repräsentiert, wie Vatikan-Sprecher Pater Federico Lombardi erläutert. Quasi im gleichen Atemzug betont er aber auch: Abschlussdokument hin oder her - es ist kein lehramtliches Dokument; über die Themen wird weiter gesprochen.

Konservative begehren auf

Wohl ganz nach den Vorstellungen des Papstes debattierten die Bischöfe zwei Wochen lang in einer vorher von vielen nicht für möglich gehaltenen Art und Weise über für die Kirche so heikle Themen wie Verhütung, Homo-Ehe, Scheidung und Polygamie. Sogar die "einfachen" Kirchenmitglieder in aller Welt waren nach ihrer Meinung gefragt worden. Das Befragungsergebnis: Viele Gläubige fühlen eine Kluft zwischen ihrem wirklichen Leben und der Lehre ihrer Kirche.

Dieser Diagnose konnten sich die "Synodenväter" nicht verschließen, als sie mit den Beratungen im Vatikan begannen. Wie heftig dann aber diskutiert wurde, macht vielleicht die Reaktion konservativer Bischöfe auf den viel beachteten Zwischenbericht der Synode nach der ersten Woche deutlich: Nachdem dieser einen für viele Beobachter grundlegend neuen Ton im Umgang mit Homosexuellen anschlug, protestierten einige Bischöfe heftig. Sie distanzierten sich öffentlich von dem Papier und äußerten Kritik. Sogar der Vatikan sah sich nach der Veröffentlichung des Berichts und den anschließenden Diskussionen zur Klarstellung gezwungen, dass es sich lediglich um ein Arbeitspapier handele. Es folgte, was viele dann erwartet hatten: In Kleingruppen wurde weiter gestritten. Am Ende steht ein eher "entschärftes" Papier, das keinen verbindlichen Charakter hat und die Synode 2015 vorbereitet. Ein Jahr lang wird in der Kirche also erst einmal weiter diskutiert, bevor sich tatsächlich etwas bewegen könnte.

Also doch nicht der große Wurf? Das bleibt abzuwarten. Der deutsche Vertreter Kardinal Marx sieht es so: "Es ist immer ein Auf und Ab, zwei Schritte vor und einer zurück." Er bemüht sich, das Positive zu sehen: "Wir hätten vor ein oder zwei Jahren nicht gedacht, dass diese Thematik, und auch wie sie diskutiert worden ist, möglich ist auf dieser weltkirchlichen Ebene."
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