"Zweite Front" in der Ukraine

Höchstpersönlich steuerte der ukrainische Präsident Petro Poroschenko einen der Humvees aus dem Transportflugzeug der US Air Force. Die Ukraine soll in den nächsten 45 Tagen insgesamt 230 dieser Patrouillenfahrzeuge erhalten. Immer wieder hatte die Ukraine vom Westen Unterstützung durch militärische Güter gefordert. Bild: dpa

Die Karten im Ukraine-Konflikt werden neu gemischt. Die Machtkämpfe in Kiew nehmen zu, Staatschef Poroschenko bricht mit dem einflussreichen Milliardär Kolomoiski. Und die Militarisierung durch die USA schreitet voran - für einen großen Krieg?

Es ist schon Nacht in Kiew, als der ukrainische Präsident Petro Poroschenko seinen Machtkampf mit dem einflussreichen Gouverneur Igor Kolomoiski vor laufenden Fernsehkameras beendet. Kleinlaut bittet der mächtigste Mann in der Industrieregion Dnipropetrowsk - ein Milliardär wie der Präsident - um Entlassung. Poroschenko unterschreibt die Urkunde. Sein wichtigster Statthalter in der Ostukraine im Kampf gegen die prorussischen Separatisten tritt ab. Schon seit langem steht der Oligarch mit seiner schwer bewaffneten Privatarmee in der Kritik.

Wie ein Erdbeben erschüttert Kolomoiskis Abgang die Politik. Was nach außen hin so aussehen soll, als greife der im Machtapparat nicht unumstrittene Poroschenko endlich durch, halten viele Beobachter eher für einen offenen Ausbruch des Kampfes der Eliten um Einfluss und Geld. Ein Jahr nach dem Machtwechsel in Kiew verschärft sich die Konfrontation unter den Siegern der prowestlichen Maidan-Proteste.

Als Kolomoiski vor wenigen Tagen halbstaatliche Energieunternehmen in Kiew von bewaffneten Einheiten besetzen lässt, um seinen Einfluss dort zu sichern, reißt auch Poroschenko der Geduldsfaden. Der ukrainische Geheimdienst SBU wirft den Kolomoiski-Truppen zudem vor, einen seiner Offiziere getötet zu haben. Die mutmaßlich von Kolomoiskis Leuten gesteuerten "Banditen" sollen sich zuletzt zunehmend vom SBU bei ihren Geschäften mit dem Kriegsgebiet gestört gefühlt haben.

Für Poroschenko ist es ein Tag, an dem er sich als starker Mann in Szene setzen kann. Eben hat er angekündigt, die von ihm kaum kontrollierbaren Privatarmeen abzuschaffen. In einer Regierungssitzung werden korrupte Zivilschutzbeamte verhaftet. Und in Kampfuniform nimmt der Staatschef stolz die seit langem erwarteten ersten US-Militärfahrzeuge entgegen.

Die Streitkräfte, so verfügt es Poroschenko, sollen nun um ein Drittel auf 250 000 Mann wachsen. Die ersten britischen Militärausbilder sind bereits im Land. Ende April sollen fast 300 US-Soldaten in einem Trainingscamp eintreffen. Sie werden von der 173. Fallschirmjägerbrigade gestellt, die in Vicenza und Grafenwöhr stationiert ist. Und an der Front im Osten ersetzen immer mehr frische Kräfte müde Kämpfer.

Vom Minsker Friedensprozess redet zumindest in Kiew kaum noch jemand. Kommentatoren in der hauptstadt schreiben von schwerer Rivalität zwischen Regierungschef Arseni Jazenjuk und Präsident Poroschenko. Mit Spannung blicken viele nun auf Kolomoiskis Erbe in der Region Dnipropetrowsk. Poroschenko habe nun eine "zweite Front" neben der Kriegsfront aufgemacht, heißt es in Kiew. Der reichste Mann der Region hat eigene Kampfverbände, Dutzende Parlamentsabgeordnete und ein Medienimperium hinter sich. Und ihm gehört das größte Finanzunternehmen des Landes, die "Privat Bank". Wohl auch deswegen schlugen die Aufständischen dem Oligarchen unlängst vor, doch selbst eine "Dnipropetrowsker Republik" zu gründen.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.