Afghanistan: Kommandoübergabe in Masar-i-Sharif
Amberger an vorderster Front

Kommandoübergabe in Masar-i-Sharif: Der ehemalige Amberger Kommandeur, Brigadegeneral André Bodemann (rechts), übernahm von Brigadegeneral Hartmut Renk die Führung der Nato-Truppen und der Ausbildungsmission im Norden Afghanistans. Bild: Bundeswehr/Lars Koch
Politik
Deutschland und die Welt
11.11.2016
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Soldaten der Nato-Mission haben die Straßen um das deutsche Generalkonsulat im nordafghanischen Masar-i-Sharif abgeriegelt. Der Taliban-Anschlag hat die Gebäude teilweise zerstört. Bild: dpa
Mazari Sharif (Afghanistan): Camp Marmal |

Der Sprung ins kalte Wasser ist sprichwörtlich. Doch so wie der frühere Kommandeur der Panzerbrigade 12 aus Amberg in Masar-i-Scharif sollte niemand starten müssen. Schon gar nicht auf einem der heißesten Posten, den die Bundeswehr derzeit zu vergeben hat.

Masar-i-Scharif/Amberg. Wenige Stunden, nachdem Brigadegeneral André Bodemann am Donnerstag in Masar-i-Scharif die Führung über das deutsche Kontingent in Afghanistan und über die Ausbildungs- und Beratungsmission der Nato in Nordafghanistan übernommen hatte, kehrte der Krieg in die als friedlich geltende Provinzhauptstadt zurück. Gegen 23 Uhr griffen Selbstmordattentäter das deutsche Generalkonsulat an. Der erste Einsatz für den ehemaligen Kommandeur der Panzerbrigade 12 "Oberpfalz".

Schlimmster Terrorangriff


Der Angriff der Taliban auf das Generalkonsulat ist durch die halbe Stadt zu hören. Aus dem von der Bundeswehr geleiteten Camp Marmal werden deutsche Soldaten (Force Protection) und georgische Soldaten der Quick Reaction Force (schnelle Reaktionskräfte) entsandt. Es kommt zu Kampfhandlungen, die Soldaten riegeln den Anschlagsort ab - dabei kommt es auch zu den tödlichen Schüssen auf die afghanischen Motorradfahrer, die nicht auf die Stopp-Signale reagieren.

Es ist der schlimmste Terrorangriff auf ein deutsches ziviles Ziel seit Beginn des Afghanistan-Einsatzes vor 15 Jahren. Die bittere Bilanz: sechs Tote, mindestens 128 Verletzte. Teile des von einer hohen Mauer umgebenen Konsulats sind massiv beschädigt, im weiten Umkreis sind Fenster zu Bruch gegangen. Zumindest die deutschen Mitarbeiter des Generalkonsulates bleiben unversehrt. Wenig später treffen die 20 Angehörige des Generalkonsulats im Camp Marmal ein. Sie wurden von den Soldaten in Sicherheit gebracht.

Kämpfe um Kundus


Bisher war Kundus der Kampfplatz im Norden des Landes. Im Herbst 2015 eroberten die Taliban zeitweise die Stadt, die die Soldaten der Panzerbrigade 12 im Herbst 2013 an die afghanischen Sicherheitskräfte übergeben hatten. Seither mussten immer wieder deutsche Soldaten als Berater nach Kundus zurückkehren, aber nie Kampftruppen. Auch derzeit sind rund 50 Bundeswehrsoldaten in Kundus, zur Beratung des Stabes des 209. Korps der afghanischen Armee.

Erst Anfang Oktober hatten Taliban erneut versucht, in die Stadt einzudringen. Sie wurden nach längeren Kämpfen zurückgedrängt. Vor einer Woche gab es dann jenen US-Luftangriff, bei dem auch Zivilisten getötet wurden. Die Flugzeuge waren in einem Vorort von Kundus afghanischen und amerikanischen Soldaten zu Hilfe gekommen, die bei der Festnahme eines Taliban-Kommandeurs in einen Hinterhalt geraten waren. Den Tod dieser Zivilisten führen die Terroristen nun als Rechtfertigung für ihren Angriff in Masar-i-Scharif an. Doch ein derartiger Selbstmordanschlag bedarf einer langen Vorbereitung. Das gelingt kaum binnen einer Woche.

Ein Attentäter wurde gefasst. Afghanische Journalisten berichten, er sei in Pakistan ausgebildet und über Kabul und Balk nach Masar-i-Scharif gebracht worden. All das werden nun die Nachrichtenoffiziere sowie die Geheimdienste der Nato und der Afghanen versuchen zu klären. Ebenso wie die Frage, ob die Taliban Wind vom Wechsel an der Spitze in Camp Marmal bekommen hatten und den Tag für den Anschlag bewusst wählten. Die Nato wird sich zudem noch genauer Berichte über Waffenfunde im Umfeld von Masar-i-Scharif an-sehen. Diese gab es laut afghanischen Medien zuletzt häufiger.

Team aus Oberpfalz


Vor vier Wochen, am 11. Oktober, hatte Bodemann das Kommando in Amberg abgegeben. Der 51-Jährige ist nicht allein von Amberg nach Masar-i-Scharif gegangen. Einige Soldaten aus der Brigade begleiteten ihn, als Teil seines Teams oder als Berater für die afghanischen Heeresverbände im Norden - auch in Kundus, dort wo die Brigade schon häufiger war.




Kommentar

Blutiges Patt in Afghanistan


Von Alexander Pausch
Seit die Nato vor zwei Jahren ihre Truppen aus der Fläche und vom Kampf gegen die Taliban zurückgezogen hat, herrscht in Afghanistan ein blutiges Patt. Auch im als relativ sicher geltenden Norden gelingt es den afghanischen Sicherheitskräften kaum, die Taliban im Zaum zu halten, geschweige denn, diese nachhaltig zu schwächen. Schon die zeitweilige Eroberung von Kundus durch die Taliban vor zwei Jahren zeigte, dass die Nato noch lange Zeit am Hindukusch bleiben muss. Und die Eroberung zeigte, dass die Nato-Soldaten notfalls auch kämpfen dürfen müssen. Doch dazu fehlt in der Bundesregierung und im Bundestag bisher der Wille.

Der Selbstmordanschlag auf das Generalkonsulat in Masar-i-Scharif ist ein weiterer Weckruf für die Politik. Wenn es schon in Masar-i-Scharif nicht mehr sicher ist, wo dann? Das werden sich auch Afghanen fragen. Und: In welche vermeintlich sichere Gebiete will Deutschland afghanische Flüchtlinge zurückschicken?
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E-Mail an den Autor:
alexander.pausch@oberpfalzmedien.de


Masar-i-ScharifMasar-i-Scharif ist der bedeutendste Standort der Bundeswehr in Afghanistan. Gut 800 Soldaten sind in der Hauptstadt der nördlichen Provinz Balch stationiert. Hier kreuzen sich Versorgungsrouten nach Usbekistan und Turkmenistan. Mit der Hauptstadt Kabul verbindet die "Stadt des Heiligen" eine Passstraße. Masar-i-Scharif mit rund 270 000 Einwohnern ist von hoher strategischer Bedeutung. Im Jahr 2006 errichtete die Bundeswehr dort ihr damals größtes Feldlager. Das deutsche Generalkonsulat befindet sich in der Nähe des Wahrzeichens der Stadt, der Blauen Grabmoschee des Kalifen Ali, des Schwiegersohns des Propheten Mohammed. Die bis heute einzige deutsche Vertretung in Afghanistan außerhalb von Kabul wurde erst im Juni 2013 vom damaligen Bundesaußenminister Guido Westerwelle eröffnet. Rund fünf Meter hohe Mauern umgeben das Gelände. (dpa)
 

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