Anschlag in Paris
Der lange Terror-Arm des IS

Solidarität in Blau-weiß-rot: Die französischen Nationalfarben zieren die alte Stadtmauer in Jerusalem (oben), das Brandenburger Tor in Berlin (unten links) und die Oper in Sydney. Bilder: dpa (3)

Beirut, Bagdad - und der blutige Höhepunkt in Paris. In nur kurzer Zeit schlägt der IS in mehreren Ländern zu. Das dürfte kein Zufall sein, denn die Extremisten internationalisieren sich. Und laufen Al-Kaida im weltweiten Dschihad endgültig den Rang ab.

Bis vor einigen Tagen sah es so aus, als würde es eine schlechte Woche für die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). In Nordsyrien drängten Anhänger des Regimes die Dschihadisten zurück. Im Nordirak begannen die Kurden eine großangelegte Offensive mit schnellen Erfolgen. Dann kam der Donnerstag - und mit ihm begann eine Anschlagsserie, die der Welt vor Augen führt, wie mächtig der IS weit über seine Herrschaftsgrenzen hinaus geworden ist.

Denn die Attentate von Paris bilden eine Kette terroristischer Akte, die kurz aufeinander folgten. In der libanesischen Hauptstadt Beirut sprengten sich am Donnerstagabend zwei Anhänger der sunnitischen Extremisten im Abstand von nur fünf Minuten in die Luft. Sie töteten mehr als 40 Menschen in einem vor allem von Schiiten bewohnten Viertel der Metropole am Mittelmeer. In Bagdad nahm am Freitag ein Selbstmord- attentäter eine schiitische Moschee ins Visier.

Abfolge kein Zufall

Und jetzt Paris, grausiger Höhepunkt der internationalen Terrorserie. Der kurze zeitliche Abstand zwischen den Anschlägen lässt es als äußerst wahrscheinlich erscheinen, dass die Abfolge kein Zufall war, sondern das Ergebnis einer längeren Planung. Auch der Termin dürfte wohl gewählt sein. Ihre blutige Botschaft an die Welt sendeten die Extremisten unmittelbar vor Beginn des G20-Gipfels in der Türkei. Mittlerweile gibt es kaum noch Zweifel, dass tatsächlich der IS hinter den Anschlägen in der französischen Hauptstadt steht. Außer dem Terrornetzwerk Al-Kaida wäre keine andere Organisation in der Lage, einen Anschlag dieser Größe zu verüben. Auch eine Audio-Botschaft des IS aus dem Frühjahr kann im Nachhinein ein Hinweis darauf sein, dass es damals schon Planungen gab. IS-Sprecher Abu Mohammed al-Adnani drohte Mitte März mit Anschlägen auf Rom, Washington, London - und den "Burdsch Ifil", den Eiffelturm in Paris.

Zudem trägt das Bekennerschreiben, das am Samstag im Internet auftauchte, sowohl im Sprachstil als auch im Layout die bekannte IS-Handschrift. "Eine treue Gruppe der Armee des Kalifats" habe die "Hauptstadt der Unzucht und des Lasters" attackiert, tönen die Dschihadisten in der Botschaft, die mit einem Zitat aus dem Koran beginnt und sich gegen die "Kreuzfahrer" richtet. Auch eine Drohung fehlt nicht: Paris und seine Verbündeten sollten wissen, dass sie "ganz oben auf der Liste der Ziele des Islamischen Staates stehen".

Sollten die Geheimdienste westlicher Staaten Recht behalten, dann war auch der Absturz eines russischen Passagierjets über der ägyptischen Sinai-Halbinsel ein Attentat des IS - und müsste in die Kette der Terrorangriffe eingereiht werden. Schon aus dem Airbus-Unglück lasen Experten heraus, dass sich der IS stärker internationalisiert und Regionen jenseits seines Herrschaftsgebiets in Syrien und im Irak zuwendet. Die Angriffe in Paris bestätigen diese Annahme, was die Geheimdienste im Westen mit großer Sorgen registrieren dürften.

Ende nicht abzusehen

Mit den Anschlägen von Paris hat der IS noch ein Ziel erreicht: Die Terrormiliz hat Al-Kaida im globalen Dschihad endgültig den Rang als mächtigste und gefährlichste Terrorgruppe der Welt abgelaufen. Ein Ende des IS ist dabei nicht abzusehen. Trotz der jüngsten Niederlagen ist sein Herrschaftsgebiet in Syrien und im Irak nicht ernsthaft in Gefahr - dafür sind am Boden die Gegner der Extremisten zu schwach.
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