Christen fürchten im Nahen Osten um ihr Leben
Krieg im Garten Eden

Diese Ikonen schmückten einst eine Kirche im syrischen Yabroud. Als der Ort in den Bergen nordöstlich von Damaskus von Islamisten erobert worden war, verwüsteten sie das Gotteshaus und zerstörten die Ikonen. Bild: Christian Solidarity International
Von Alexander Pausch

Christenverfolgung war lange ein Begriff aus der Vergangenheit. Um die Lage der Christen im Nahen Osten zu beschreiben, sprachen Fachleute von Bedrängung. Seit dem Vormarsch von IS führt selbst der Papst den Begriff an.

Schon bald nach Beginn des "Arabischen Frühlings" vor fünf Jahren im Dezember 2010 machte sich bei einheimischen und europäischen Kirchenführern wegen des zunehmenden Auftrumpfens von Islamisten und Salafisten die Angst vor einem "Herbst der Christen" breit. Von Christenverfolgung wollte damals aber niemand sprechen. Die Übergriffe auf Christen wurden als Bedrängung charakterisiert. Sie gingen von einzelnen Akteuren aus, und waren auch vor den Umstürzen immer wieder vorgekommen.

Die Revolutionen in den arabischen Ländern waren eine positive Entwicklung für alle Menschen. Sie versprachen mehr Teilhabe und Demokratie, unabhängig von der Religionszugehörigkeit. Die Hoffnung damals: Davon würden auch die arabischen Christen profitieren, da sie häufig dem Mittelstand angehören und einen höheren Bildungsabschluss haben. Zumal Christen bisher Bürger zweiter Klasse waren, denen Rechte vorenthalten wurden. Diese Hoffnung auf Gleichberechtigung hat sich zerschlagen. Die Restauration des Regimes in Ägypten hat die Demokratisierung beendet - und jedes Hoffen auf mehr Freiheiten.

Im Zuge der Kriege im Irak und in Syrien ist aus dem einstigen "Frühling" ein "Winter der Christen" geworden. Es droht das Ende der jahrtausendalten Tradition des Christentums in beiden Ländern. "Wir fürchten, dass eines Tages die Wiege des Christentums verwaist sein wird", sagt etwa der syrisch-katholische Erzbischof Flavien Joseph Melki.

Identität beraubt

Die Vertreibung der Christen aus dem irakischen Mossul und ihren Siedlungen in der angrenzenden Ninive-Ebene sowie aus der Umgebung des syrischen Palmyra durch die Terrormiliz Islamischer Staat (IS), die Zerstörung von Kirchen und Klöstern im Irak und in Syrien - dies alles ist darauf angelegt, die Christen nicht nur aus ihrer Heimat zu vertreiben, sondern sie auch ihrer Identität zu berauben. Doch es trifft die Christen nicht allein, auch andere Minderheiten, wie Jesiden oder Schiiten, stehen vor dem Aus. "Solange der IS bleibt, solange werden die Christen verschwinden. Der IS hat keinen Platz für Nicht-Muslime in seinem Machtgebiet, etwa für Christen", sagte Erzbischof Melki zu KNA.

Inzwischen haben auch europäische Kirchenführer, allen voran Papst Franziskus, verbal aufgerüstet. Wiederholt hat das Oberhaupt der katholischen Kirche in den vergangenen Monaten die Verfolgung der Christen im Nahen Osten angeprangert. Dass der Papst den Begriff "Christenverfolgung", benutzt, spiegelt auch die Verzweiflung und Hilflosigkeit wider, die nicht nur die Christen im Irak und Syrien erfasst hat, sondern auch die Kirchenführer. "Ich erneuere meinen Wunsch, dass die Internationale Gemeinschaft nicht stumm und untätig bleibt angesichts solcher inakzeptabler Verbrechen", schrieb Franziskus, als Anfang August das syrisch-katholische Kloster Mar Elian in die Gewalt der IS gefallen war. Am Wochenende wurde es von der Terrormiliz zerstört.

Es bleibt nur die Flucht

Bislang war vor allem mit Blick auf China oder Nordkorea von Christenverfolgung gesprochen worden. "Wer von den fanatischen, selbsternannten Gotteskriegern des IS bedroht wird und nicht zum Islam übertritt, dem bleibt nur die Flucht", sagt der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki. Ihm bereitet die Gewalt gegen die Christen im Irak - wie so vielen in der Kirche - schlaflose Nächte. Sie lebten dort, wo einst der Garten Eden gewesen sein soll. Doch die Zustände seien spätestens wegen der Terrormiliz IS "alles andere als paradiesisch".
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