Debatte in der katholischen Akademie
Bibel, Koran und Gewalt

Im Sommer 2014 schreckte die Nachricht vom Vorrücken der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) im Irak und in Syrien den Westen auf. Die Terroristen berufen sich in ihrer Grausamkeit auf einen Islam, der bei einer zeitgemäßen Auslegung des Korans nicht haltbar ist. Archivbild: dpa

Terroristen ziehen im Namen des Propheten Mohammed eine blutige Spur durch die Welt: Frankreich, Irak und Syrien oder auch Nigeria sind nur einige Schauplätze unzähliger Massaker im Namen Gottes. Ist der Islam eine gewalttätige Religion?

Dieser Frage gingen in der katholische Akademie in München zwei Theologen nach: eine muslimische und ein katholischer. Die aus dem Iran stammende Juristin Hamideh Mohagheghi und der gebürtige Kölner Klaus von Stosch diskutierten über "Islam und Gewalt". Es sollte kein Abend zur Verdammung des Islam werden, das machte Akademiedirektor Florian Schuller eingangs deutlich - und er wurde es auch nicht. Dazu hätte es seines Hinweises, dass in seinem Haus bereits die Themen "Religion und Gewalt" sowie "Bibel und Gewalt" diskutiert worden sind, gar nicht bedurft.

Schnell wurde deutlich, dass sich auch in der Bibel, sowohl im Alten, als auch im Neuen Testament, viele Stellen finden, die als Aufruf zu Gewalt und als Rechtfertigung von Gewalt gelesen werden könnten. "Es ist ihnen hoffentlich bewusst, dass die Bibel, wenn sie diese mit dem Koran vergleichen, viel mehr Gewalt-bejahende Stellen aufweist", sagte Stosch am Freitagabend. Doch dem Vorsitzenden des Zentrums für Komparative Theologie und Kulturwissenschaften der Universität Paderborn ging es nicht darum aufzurechnen. Er wollte die 300 Zuhörer sensibilisieren und vor allem für seine Methode werben.

Historisch-kritische Analyse

Stosch plädiert für eine historisch-kritische Analyse. Ein Plädoyer, das Mohagheghi unterstützt. Als Beispiel führte Stosch an, dass die Archäologie gezeigt habe, dass es Jericho zu der Zeit, als die biblische Landnahme stattgefunden haben soll, noch gar nicht geben hat. Dabei sei diese Bibelstelle in der Geschichte zum Gewaltaufruf verwendet worden. Es dürfe nicht alles wörtlich verstanden werden, betonte der Theologe. Seine Antwort: "Wir müssen versuchen, diese Textstellen anders zu lesen." Das Gleiche fordert er für den Koran.

Stosch verweist darauf, dass beide Schriften in einem historischen gesellschaftlichen Kontext entstanden sind. In der Bibel spiegele sich der Streit im alten Israel wider, wie man sich Gott nähern könne und wie nicht. Der Monotheismus sei eine sozialkritische Antwort derer, die an den Rand gedrängt waren. "Das ist etwas, was die Befreiungstheologie stark gesehen hat." Stosch sagte, dass die Gewalt in der Bibel auch eine positive Funktion habe, etwa als Jesus die Geldwechsler aus Tempel vertrieb. "Ein Hooligan ist nichts dagegen", scherzte der Katholik.

Multireligiöse Umgebung

Der Koran entstand in Mekka, "einem Wallfahrtsort, dessen Wohlstand darauf beruhte, dass in der Kaaba viele Götter angebetet wurden", sagte Stosch. Mohagheghi, die wissenschaftliche Mitarbeiterin in Paderborn ist, verwies darauf, dass die Gesellschaft auf der arabischen Halbinsel im siebten Jahrhundert multireligiös war. Mohammed habe zwar die Worte Gottes durch den Engel Gabriel gehört, er habe sie aber mit seinen "menschlichen Worten wiedergegeben". Damit ist der Koran letztlich "vermenschlichtes Wort Gottes".

Zudem würde viele Verse zum denken auffordern, sagte die Theologin. Sie endeten mit den Worten, dass dies Aussagen für diejenigen seien, die ihren Verstand gebrauchten. Mohagheghi betonte: "Man muss den Koran für sich auslegen." Zum Beleg zitierte sie Imam Ali: "Der Koran sagt nichts, es sind die Menschen die sprechen." Stoschs und Mohagheghis Vision einer historisch-kritisch Auslegung des Koran kann angesichts der fehlenden Wissenschaftsfreiheit in der Mehrheit der muslimischen Länder nur im Westen erfolgen. "Es ist eine Aufgabe für uns alle, weil der Koran mit uns allen redet", sagte der aus dem Libanon stammende Erlanger Professor für Islamwissenschaft Georges Tamer, der die Debatte moderierte. Ein finanzkräftiges arabisches Land hält dagegen: Saudi-Arabien fördert sei Jahrzehnten die Islamisierung des Islam.
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