Gespräch mit Pater Nikodemus Schnabel aus Jerusalem
Mönch ist verrückt genug

Benediktiner-Pater Nikodemus Schnabel aus Jerusalem signiert nach seiner Lesung im Kloster Speinshart (Kreis Neustadt/WN) sein Buch "Zuhause im Niemandsland. Mein Leben im Kloster zwischen Israel und Palästina". Bild: paa
 
Pater Nikodemus Schnabel zeigt am 28. Mai 2014 in der Dormitio-Abtei in Jerusalem die Überreste eines Brandes, der nach dem Besuch von Papst Franziskus auf dem Zionsberg gelegt worden war. (Foto: Archivbild: dpa)
 
Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen) besuchte am 29. Mai 2013 mit seiner Frau Gerlinde die Benediktinerabtei Dormitio auf dem Zionsberg. bei einer Messe. Pater Nikodemus Schnabel führte die beiden. (Foto: Archivbild: dpa)

Pater Nikodemus Schnabel lebt im Niemandsland. Sein Kloster liegt zwar mitten in Jerusalem, aber es gehört weder zu Israel noch zu Palästina. Seiner Liebe zur Stadt tut dies keinen Abbruch - im Gegenteil.

Speinshart/Jerusalem. Für einen Gottessucher ist Jerusalem kein ungewöhnlicher Platz. Näher am Ursprung des christlichen Glaubens kann man nicht leben - wenngleich die Stadt die Liebe zu ihr immer wieder auf eine harte Probe stellt. Dennoch hat sich Benediktiner-Pater Nikodemus Schnabel lebenslang an Jerusalem gebunden. Und nicht nur an die Stadt, sondern an die Dormitio-Abtei auf dem Berg Zion.

Für den gebürtigen Stuttgarter war klar: Wenn schon Mönch werden, dann in Jerusalem. Im Jahr 2004 legte er seine Profess ab, vor drei Jahren, 2013, wurde er zum Priester geweiht. In die katholische Kirche trat er erst mit 13 Jahren ein. Später studierte er in Fulda und München, ehe er 2003 in die Dormitio-Abtei eintrat. Aufgewachsen ist er in Süddeutschland, die Mutter Schauspielerin, die Eltern getrennt, der Ziehvater Künstler. "Mönch ist verrückt genug", sagt der Benediktiner im Gespräch während seines Besuches im Kloster Speinshart (Kreis Neustadt/WN). Für seine Familie und Verwandtschaft sei dies o. k. gewesen. Schlimmer wäre es, wenn er Beamter geworden wäre.

Immer wieder Anschläge


Pater Nikodemus ist Pressesprecher der Abtei oder der "Außenminister", wie ihn Abt Gregory Collins bezeichnet. Der 37-Jährige ist das Gesicht der deutschen Benediktiner-Abtei in den Medien - in Deutschland und noch viel mehr in Israel. Einerseits macht er das offensichtlich gerne - andererseits ist der Grund, warum er immer wieder die Sicht seines Klosters darlegen muss, bitter.

Seit Jahren sind die Dormitio-Abtei in Jerusalem und das Priorat Tabgha am See Genezareth Ziel von Graffiti-Schmierereien, Angriffen und Anschlägen. Die Täter sind "Hooligans der Religion", wie der Benediktiner die jüdischen Extremisten nennt, die die Christen aus dem Heiligen Land vertreiben wollen. Der dramatischste Anschlag traf im Juni 2015 das Priorat Tabgha. Im Jahr zuvor, 2014, brannte es einen Tag nach dem Besuch von Papst Franziskus auf dem Zionsberg, ebenfalls ein Brandanschlag. Im Januar traf es wieder die Dormitio-Abtei. Extremisten schmierten "Tod den Christen" an die Wände.

Trost bietet die Solidarität, die die Klostergemeinschaft erfährt, gerade auch von Juden, die etwa zu Hunderten am "Tag des Offenen Klosters" auf den Zionsberg kommen. Pater Nikodemus hat aber auch eine radikal christliche Antwort: Wenn sie Christen sind, so macht er deutlich, müssten sie in der Sonntagsmesse für die Extremisten beten, damit diese ihren Hass verlieren. Das hätten sie im Januar auch getan.

Blauäugig ist der Benediktiner aber nicht. Er dringt auf die seit langem versprochene Videoüberwachung durch die Polizei auf dem Zionsberg. Das Kloster selbst dürfe das nicht machen. "Das ist ein öffentlicher Raum." Und er fragt nach den Drahtziehern, nach denjenigen, die den Hass verbreiten - in allen Religionen.

Pater Nikodemus ist nicht nur Pressesprecher, sondern auch Auslandsseelsorger für die deutschsprachige Gemeinde im Heiligen Land - in Israel und in den palästinensischen Gebieten. Unterstützt wird er dabei von einem Oberpfälzer: Pater Matthias Karl. Dieser stammt aus dem Ortsteil Schneeberg bei Winklarn (Kreis Schwandorf) und lebt in Tabgha.

Im Niemandsland


Wer mit Pater Nikodemus spricht, spürt, dass er die Lage seines Klosters im Niemandsland schätzt. Als im Jahr 1948 die Waffenstillstandslinie festgelegt wurde, lag das Gebiet des Klosters weder im jordanischen noch im israelischen Bereich. Es ist seither ein neutraler Ort. Diesen nutzen deutsche Politiker, darunter Bundespräsident Joachim Gauck, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) oder Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) gern, um Politiker beider Seiten zu treffen, ohne einen politischen Eklat auszulösen. Mittendrin: Pater Nikodemus Schnabel.

Manchmal führt er einen Besucher aus der Politik oder dem Showbusiness wie Thomas Gottschalk auch nur durch die Altstadt oder zeigt ihm das Kloster: "Ich bin der Freiheitspunkt." Für zwei Stunden könnten die Gäste sie selbst sein, ohne eine Rolle erfüllen zu müssen. Auf die Verschwiegenheit des Benediktiners können sich Besucher verlassen.

Viele Fragen, mit denen Pater Nikodemus von Gästen - prominenten und weniger prominenten - konfrontiert wird, sind Grundlage seines Buches "Zuhause im Niemandsland". Der Zuspruch, den er bei Lesungen wie in Speinshart oder in Briefen und E-Mails erfährt, freut ihn. Selbst Anrufe gebe es, berichtet der Theologe und promovierte Liturgiewissenschaftler und Ostkirchenkundler. Als wissenschaftlicher Autor habe er sonst Auflagen von 300. "Man kennt seine Leser persönlich."

Der Erlös des Buches kommt dem Kloster zugute, Pater Nikodemus macht aber auch nachdrücklich deutlich, dass das Buch nur seine Sicht wiedergibt. Er habe es zwar mit Zustimmung der Mitbrüder geschrieben, aber nicht in deren Namen. Und: Nicht alles was er schreibt, wird von allen geteilt. Aber sie hätten nach der Lektüre gesagt: "Das bist du. Wir kennen dich doch." Das ist Pater Nikodemus Bestätigung genug.

Buch: "Zuhause im Niemandsland"Seit mehr als zehn Jahren erlebt Pater Nikodemus Claudias Schnabel die Konflikte im Heiligen Land mit. Der Benediktiner aus der Dormitio-Abtei Jerusalem beschreibt in seinem Buch „Zuhause im Niemandsland“ nicht nur seine ganz eigene Sicht auf Jerusalem und den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Er widmet sich auch Fragen, mit denen er im Laufe seiner Zeit in Jerusalem konfrontiert worden ist: Wie ergeht es der christlichen Minderheit? Warum glauben? Oder: Was hat es mit den religiösen Extremisten auf sich? Das Buch ist unterhaltsam und mit Humor geschrieben. Pater Nikodemus macht auch deutlich, dass es kein Schwarz oder Weiß gibt und dass viele Urteile nur Vorurteile sind. (paa)
Schnabel, Nikodemus: Zuhause im Niemandsland. Mein Leben im Kloster zwischen Israel und Palästina, Herbig-Verlag, 20 Euro

SpendenkontoFür Hilfen zum Wiederaufbau im Priorat Tabgha haben die Benediktiner der Abtei Dormitio in Jerusalem und des zur Abtei gehörenden Priorats ein Spendenkonto eingerichtet:
Stichwort „Tabgha2015“
Abtei Dormitio Jerusalem e.V.
Liga Bank eG
BLZ 750 903 00
Konto Nr. 218 0278
Bic GENODEF1M05
Iban DE98 7509 0300 0002 1802 78
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