Interview mit Atran Youkhana von Wings of Hope
Keine Heimat in der Heimat

Ein Bild aus besseren Zeiten. Im November 2013 besichtigte Atran Youkhana (links) zusammen mit Besucher den Rohbau für ein Frauenzentrum in Telskuf, rund 15 Kilometer von Mosul. Heuet ist der Ort verwüstet und Frontstadt zur Terrormiliz IS. Bild: paa
 
Voller Lebensmut machen diese Kinder das Victory-Zeichen, doch angesichts der Kriegswirren sind die meisten Menschen im Norden des Iraks wenig optimistisch. Bild: privat
 
Eine Leine dient als Netz beim Volleyballspielen im Flüchtlingslager Shekhan für rund 5000 Vertriebene. Bild: Atran Youkhana

Seit mehr als 20 Jahren hilft die Evangelische Landeskirche Christen im Norden des Irak. Doch diese haben immer weniger Hoffnung - trotz der Hilfe aus Bayern.

München/Dohuk. Atran Youkhana ist Referent bei "Wings of Hope" in München. Die Stiftung der Evangelischen Landeskirche fördert unter anderem Hilfsorganisationen im Norden des Irak.

Vor zwei Jahren, im Sommer 2014 wurden die Christen durch die Terrormiliz IS aus Mosul und aus der Ninive-Ebene im Nordirak vertrieben. Zum ersten Mal seit gut 2000 Jahren gibt es in der Stadt keine Christen mehr. Wie geht es den Menschen, die im eigenen Land vertrieben wurden?

Atran Youhana: Die Situation für die Vertriebenen im Land ist heute sehr schwierig. Mit über 2.6 Millionen Binnenvertriebenen ist es eine der größten Flüchtlingskatastrophen der irakischen Geschichte. Die sogenannten "ethnischen Säuberungen" finden vor allem im Zentralirak statt, und besonders die Minderheiten sind den Vertreibungen und der Gewalt ausgesetzt. Sie kommen in leerstehende Wohnungen und Häuser in den Dörfern im Nordirak unter, wohnen bei Verwandten, in den Städten zur Miete oder - insbesondere die Jesiden - in den zahlreichen Flüchtlingscamps unter, oft unter dramatischen Lebensbedingungen.

Sehen die Christen nach all dem Terror seit 2003 noch eine Zukunft im Land? Wollen nicht alle weg?

Die allermeisten Christen sehen keine Zukunft mehr in ihrer Heimat. Viele Familien sind allein im letzten Jahrzehnt zweimal geflohen oder vertrieben. Sie sehen es als eine Heimat, die es wiederholt nicht geschafft hat - ob willkürlich oder aufgrund von verschiedenen Faktoren -, sie zu beschützen. In erster Linie sind es die Kirchen oder kirchlichen Vereine, die die Menschen zum Verbleib bewegen möchten. Doch auch da ändert sich die Stimmung, und ein Pfarrer in einer größeren kirchlichen Gemeinde in Bagdad machte in einem Interview deutlich, dass er es versteht und mittlerweile den Menschen sagt, wenn sie nach Europa möchten, dann sollen sie das versuchen.

In Umfragen unter irakischen Jugendlichen gaben über 70 Prozent in den kurdischen Gebieten und über 90 Prozent im Zentral- und Südirak an, dass sie keine Zukunft für sich im Land sehen. Die christlichen Iraker liegen noch weit über diesen Werten, was auch damit zu tun hat, dass - subjektiv oder objektiv - die Sicherheit fehlt.

Glauben Sie, dass es in 20 Jahren noch Christen im Irak geben wird?

Die Tendenz ist erschreckend. Während bis zur US-Invasion bis zu 1,5 Millionen Christen im Land lebten, sind es heute schätzungsweise zwischen 300 000 und 500 000 und es werden zunehmend weniger. Die Entwicklungen, vor allem seit der Eroberung großer Gebiete im Zentralirak durch den "Islamischen Staat", wo die Christen gemeinsam mit anderen Minderheiten seit Jahrtausenden beheimatet waren, haben fast jegliche Perspektive und Hoffnung dieser Menschen ausgelöscht. Wenn ich dienstlich oder privat im Irak bin, wird mir die Frage nach dem Leben in Europa und den Aussichten auf Asyl von mindestens jedem Zweiten gestellt, auch von jenen, die in relativ sicheren Städten wie Dohuk leben und einer regelmäßigen Tätigkeit nachgehen. Ich kann hoffen, dass es in 20 Jahren Christen im Irak gibt, befürchte jedoch, dass ihre Zahl niedriger als heute sein wird.

Ihre Familie stammt aus dem Nordirak. Wie erleben Sie den Terror und die Angst der Menschen?

Ich lebe in Deutschland in für die Menschen dort unvorstellbarer Sicherheit und musste diesen Terror, den große Teile der irakischen Bevölkerung durchlebt oder überlebt haben, nicht erleben. Doch als Mitarbeiter von "Wings of Hope" konnte ich auf meinen Dienstreisen in das Land fast unmittelbar nach den Ereignissen vom Juni und August 2014, als der "Islamische Staat" große Teile der Region erobert hat, die Geschichten und die Schicksale dieser Menschen hören, vor allem von Jesiden und Christen. Es sind Geschichten von unvorstellbarer Gewalt und Terror. Viele von ihnen haben Familienmitglieder, Verwandte oder Freunde verloren. Darüber hinaus ihren kompletten Besitz und auch das Vertrauen in ihre Mitmenschen. Sie haben aber auch viele seelische Verletzungen mitgetragen, die ihnen das Leben in einem neuen Umfeld und unter anderen Lebensbedingungen zusätzlich erschweren. Was bei den meisten noch bleibt, ist die Angst, nicht mehr nach Hause zurückkehren zu können oder die Angst vor weiterer Gewalt.

Die Stiftung heißt "Wings of Hope". Kann die Organisation den Vertriebenen und Verängstigten tatsächlich noch so etwas wie Hoffnung geben?

Die Stiftung "Wings of Hope" ist seit 2003 im Irak tätig. Zunächst auch in Bagdad aber seit dem Bürgerkrieg durch die Sicherheitslage bedingt ausschließlich in der relativ sicheren Kurdischen Autonomieregion. Die Stiftung engagiert sich in erster Linie im Bereich der psychosozialen und traumatherapeutischen Hilfe für jene, die Opfer von Gewalt und Krieg wurden. Zum einen durch die Ausbildung von Traumapädagogen, zum anderen durch den Aufbau von sicheren Orten für Kindern und Jugendlichen in den Flüchtlingscamps, in Kooperation mit unseren lokalen Partnern. Diese Projekte haben auch zum Ziel, den Menschen Zuversicht und Hoffnung zu geben, dass morgen ein besserer Tag als heute wird. Dies gelingt uns gut in unserer Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen. Doch wir müssen auch einsehen, dass es schwierig ist, den Erwachsenen etwas wie Hoffnung zu geben, die zum Beispiel zweimal vertrieben wurden. Es bleibt also noch viel zu tun.

Was brauchen die Menschen im Irak?

Die Menschen im Irak brauchen in erster Linie Sicherheit. Sie möchten aber auch ein menschenwürdiges Leben haben und ein Leben, wo ihre Kinder Perspektiven im Leben haben. Insbesondere die Millionen Vertriebenen brauchen Essen und sauberes Wasser und die Sicherheit, dass sie im Winter ausreichend Heizmittel und Decken haben. Sie brauchen Arbeit, um ihre Kinder zu ernähren und ihnen eine Zukunft aufzubauen. Diejenigen, die Opfer von Gewalt und Terror wurden, brauchen auch psychosoziale und traumatherapeutische Hilfe, damit sie sich im Leben wieder gut zurechtfinden können und auch stark für ihre Kinder und Mitmenschen sein können.

Was kann von hier aus getan werden?

Ich bin überzeugt, dass es mehrere Wege und Mittel zu helfen gibt, die man parallel verfolgen kann, die aber alle kurz-, mittel- und langfristig elementar und unverzichtbar sind. Zunächst gibt es im Bereich der Nothilfe immensen Bedarf für Millionen von Menschen, auch für die Menschen im Zentral- und Südirak, die oft aus unserem Fokus geraten. Die Stiftung "Wings of Hope" engagiert sich im psychosozialen Bereich, und andere Organisationen, lokale und internationale, setzen sich dafür ein, dass das Zusammenleben der verschiedenen Volksgruppen besser funktioniert und dass die Rechte der Individuen und Gruppen verteidigt werden. Diese können wir auch durch Engagement und Druck aus Deutschland und Europa stärken ...

... auch jenseits des Iraks?

Was meiner Meinung ebenso wichtig ist, dass wir als westliche Gemeinschaft unsere Handlungen und Kriege im Irak und im Nahen Osten, die eine Hauptursache für diese Entwicklungen sind, kritisch reflektieren und sie durch Proteste versuchen zu vermeiden. In diesem Zusammenhang muss man auch die lokalen Allianzen hinterfragen, die zu weiten Teilen religiöse Fundamentalisten und semi-totalitäre Staaten sind wie Saudi-Arabien oder Despoten, die ihre Bevölkerung mit unseren Waffen unterdrücken. Dadurch tragen wir nicht nur zur Gewalt in diesen Ländern bei, sondern verlieren auch die noch verbliebene Glaubwürdigkeit. All diese Mittel und Wege sind essenziell, damit wir die aktuellen Fragen in zehn Jahren nicht nochmal stellen müssen.

"Wings of Hope"Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern hat im Jahr 2003 die Stiftung "Wings of Hope" Deutschland gegründet. Seit ihrer Gründung unterstützt die Stiftung im Irak die Arbeit mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen, zunächst in Bagdad, später auch im Norden, unter anderem in der kurdischen Stadt Dohuk. Ein Partner von "Wings of Hope" ist auch christlichen Hilfsorganisation "Christian Aid Program Northern Iraq" (Capni), die Archimandrit Emanuel Youkhana zusammen mit anderen Christen im Jahr 1993 in Dohuk im Nordirak gründete. (paa)

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