Interview mit Emanuel Youkhana
Christen im Schatten der Terrormiliz

Archimandrit Emanuel Youkhana, Leiter der christlichen Hilfsorganisation Capni, schaut besorgt vom Kloster Mar Mattai zu den Kämpfen in der Ebene. Im Tal unterhalb stehen die Kämpfer der Terrormiliz IS. Sollten sie durchbrechen, würde eine weitere Jahrtausend alte christliche Stätte von ihnen verwüstet, wie zuvor so viele andere. Das Kloster aus dem Jahr 344 liegt nordöstlich des irakischen Mossul. Viele Mönche haben es schon verlassen - bald werden sie es ganz aufgeben müssen.

Das Ende des Christentums im Irak ist schon oft befürchtet worden. Doch nie schien es näher als jetzt. Seit mehr als einem Jahr leben die von der Terrormiliz IS vertriebenen Christen als Flüchtlinge in der kurdischen Region - und sie verlieren jede Hoffnung.

Emanuel Youkhana stemmt sich seit mehr als 20 Jahren mit seiner christlichen Hilfsorganisation Capni ("Christian Aid Program Northern Iraq") gegen das Ende des Christentums im Irak. Unterstützt wird Capni unter anderem von der Evangelischen Landeskirche in Bayern. Durch die Terrormiliz IS sind auch deren Projekte in der Ninive-Ebene zerstört worden. Im Interview mit Alexander Pausch erzählt der Archimandrit der assyrischen Kirche des Ostens, der erst vor wenigen Tagen aus dem Nordirak zurückgekehrt ist, von der Stimmung bei den Christen im Land.

Die Christen aus Mossul und Umgebung sowie der Ninive-Ebene sind nun seit einem Jahr vertrieben. Hegen diese Flüchtlinge noch Hoffnung auf eine Rückkehr?

Emanuel Youkhana: Unglücklicherweise hat nur mehr ein kleiner Teil die Hoffnung auf eine Rückkehr. Es lassen sich drei Gruppen unterscheiden: Die Erste, eine kleinere Gruppe, hält die Hoffnung auf eine Rückkehr nach Hause in die Ninive-Ebene aufrecht. Die Rückkehr hat für sie Vorrang. Eine zweite Gruppe würde gerne zurückkehren, aber sie sieht keinerlei Hoffnung auf ein mehr oder weniger normales und sicheres Leben in ihrem früheren Zuhause ...

... in allen Herkunftsgebieten?

Youkhana: Das ist unterschiedlich. Wenn wir über Mossul sprechen, dann gibt es nur eine Handvoll Christen, die meint, dass die Rückkehr eine Möglichkeit ist. In der Ninive-Ebene hängt es davon ab, wie nahe die Frontlinie zur Terrormiliz IS ist und ob die Dörfer unter IS-Kontrolle sind oder waren, da davon Sicherheit und Besitz der Christen betroffen sind. Zur selben Zeit denken und arbeiten große Teile dieser Gruppe aber daran, das Land zu verlassen, etwa nach Europa. Angesichts der Schwierigkeiten auf diesem Weg arbeiten sie auch daran, ihr Leben in den kurdischen Regionen, in denen sie derzeit sind, wieder aufzubauen.

Und die dritte Gruppe?

Youkhana: Die dritte Gruppe hat keinerlei Hoffnung und sieht keine Zukunft in ihrem Heimatland. Für sie bekommt die Auswanderung mehr und mehr Vorrang, am besten nach Europa. Nicht wenige investieren alles, was sie noch haben, um außer Landes zu kommen. Ein wichtiger Punkt, der dabei bedacht werden muss, ist: Viele dieser Familien mussten in den vergangenen Jahrzehnten oder Generationen zwei- oder dreimal wegen Kriegen und anderer Ereignisse fliehen. Das zerstört die Hoffnung.

Ein Großteil der Arbeit von Capni der vergangenen Jahrzehnte ist durch das Vorrücken von IS vor einem Jahr zerstört worden. Worauf konzentriert sich Capni jetzt?

Youkhana: Capni sorgt sich darum und konzentriert sich darauf, die Grundbedürfnisse der intern Vertriebenen zu befriedigen. Diese Grundbedürfnisse umfassen Unterkunft und Schutz, Nahrung, Heizung, Gesundheitsversorgung und Arzneien, aber auch in Zusammenarbeit mit anderen Organisationen Bildung und psychologische Betreuung für die Kinder und Jugendlichen.

Darüber hinaus arbeitet Capni daran, die Basis und die Infrastruktur für die Zukunft der Vertriebenen in ihrer Heimat und ihrer neuen Umgebung zu schaffen, um ihnen eine Rückkehr zu ihren Dörfern und Städten zu ermöglichen. Da Capni davon überzeugt ist, dass die Menschen, die gezwungen wurden, ihre Häuser zu verlassen, ein Recht auf ihr Heimatland haben - das seit Tausenden Jahren ihr Heimatland war - und sie hier eine Zukunft haben sollten.

Sie haben vor einem Jahr ein internationales Eingreifen gefordert. Ist das, was geschehen ist, ausreichend?

Youkhana: Die militärische Intervention hat das Vordringen von IS gestoppt und in vielen Orten, zum Beispiel in Sindschar, dazu beigetragen, dass die Bodentruppen, die Peschmerga, IS schlagen und ein weites Gebiet zurückerobern konnten. Danke dafür. Dennoch ist die Intervention nur begrenzt und nicht ausreichend. Wir brauchen mehr Unterstützung in Form von Ausrüstung und Training für die Peschmerga.

Ergänzend fordern wir mehr politische Interventionen, um die irakische Ordnung zu überarbeiten, um auch Nicht-Muslime zu überzeugen, dass sie eine Zukunft in ihrem Heimatland haben werden. Wir appellieren an die internationale Gemeinschaft, die Errichtung einer Provinz Ninive zu unterstützen und für den Wiederaufbau die Finanzhilfen zur Verfügung zu stellen.

Was braucht es noch?

Youkana: Die militärischen Operationen und die Rückeroberung der Gebiete von IS sind nicht genug, um Christen und Jesiden davon zu überzeugen, dass sie eine Zukunft im Irak haben. Es ist ein mehrschichtiger Prozess, wie die Verfassung, die Gesetzgebung, die Lehrpläne und so weiter die Behandlung der Nicht-Muslime berücksichtigen. Bisher werden wir nicht als gleichberechtigte Bürger gesehen. Wir haben nicht die gleichen Rechte. Wir sind nur Schutzbefohlene (Dhimmis) unter dem Islam und der islamischen Verfassung des Iraks.

Inzwischen haben sich christliche Milizen gebildet. Kann der Griff zu den Waffen Erfolg haben, wenn das Vertrauen in eine gute Nachbarschaft zerstört worden ist?

Youkhana : Die christlichen Milizen können, weil sie vergleichsweise klein sind, nur in Kooperation und Abstimmung mit den Bodentruppen, das heißt den Peschmerga, erfolgreich sein. Darüber hinaus übernehmen sie auch Verwaltungsaufgaben und bieten ein Gefühl von Sicherheit für die christlichen Dörfer, in denen sie aktiv sind. Allerdings ist es wahr, dass der Glaube in eine gute Nachbarschaft durch die Ereignisse von 2014 nahezu zerstört worden ist. Es wird eine Aufgabe für die ganze Gemeinschaft, die örtlichen und nationalen Obrigkeiten dieses Vertrauen wiederherzustellen. Falls es überhaupt möglich ist, wird dies ein langer Prozess werden.

Haben Sie noch Hoffnung, dass es auch in 20 Jahren Christen im Irak geben wird?

Youkhana: Ja, absolut. Irak ist das Zuhause der Christen und es war unser Zuhause seit der Gründung des Christentums. Die Diaspora ist keine Alternative zum Heimatland. Niemals. Aber es ist gleichzeitig ein enormer Auftrag für die Christen, in ihrem Heimatland zu bleiben. Wie wir seit dem Jahr 2003 gesehen haben, ist die Zahl der Christen von annähernd einer Million auf eine Viertelmillion zurückgegangen. Seit dem Auftreten von Gruppen wie IS und dem Angriff auf Mossul und die Ninive-Ebene ist die Zahl weiter zurückgegangen. Und viele, die fliehen mussten, bereiten sich darauf vor, das Land zu verlassen. Es ist ein beunruhigender und trauriger Abwärtstrend. Im Land und in der Region sind viele Schritte erforderlich, um Heimat und Sicherheit für die Christen und andere Minderheiten zu bieten. Die regionale und internationale Gemeinschaft ist aufgerufen, die verantwortlichen Autoritäten unter Druck zu setzen, damit diese die Minderheiten schützen, damit sie eine Zukunft haben.

Jenseits von finanzieller Hilfe und Solidarität, was brauchen die Christen im Irak?

Youkhana: Sie brauchen Hoffnung. Sie brauchen das Gefühl der Bestätigung, dass Irak ihre Heimat ist und dass sie das Recht haben, hier in Frieden und Sicherheit zu leben. Das kann mit verschiedenen Mitteln erreicht werden und muss alle verantwortlichen Parteien in der Region einschließen. Trotz der düsteren Ereignisse und Entwicklungen im Irak und im ganzen Nahen Osten, haben regionale Akteure in mehreren Ländern, im Fall des Iraks in der kurdischen Autonomieregion, die grundlegenden Rechte der Minderheitengruppen weitgehend gewährleistet und sichergestellt. Und das vergrößert die Aussicht auf Hoffnung und die Existenz der Christen im Irak.
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