Kommentar zum Krieg in Syrien
Auch in Syrien dient humanitäre Hilfe nur als Verhandlungsmasse

Waffenstillstand oder gar Frieden - diese Worte gehen mit Syrien nicht zusammen. Trotz der Vereinbarung von München. Im Gegenteil. Es scheint, als haben einige Akteure die Übereinkunft von Donnerstagnacht als Signal verstanden, ihren militärischen Einsatz noch einmal zu intensivieren.

Nicht nur Russland, auch die Türkei bombardiert Dörfer und Städte im Norden Syriens. Erstere mit Flugzeugen, Letztere mit Artillerie. Die Russen greifen Rebellen an, die gegen Präsident Baschar al-Assad kämpfen. Die Türken beschießen die Kurden, in denen sie ihre größten Feinde sehen. Die Terrormiliz IS wird von beiden weitgehend ignoriert. Es bewahrheitet sich eine alte, zynische Weisheit: Des einen Terroristen sind des anderen Freiheitskämpfer.

Russland schafft mit militärischer Gewalt Fakten, bevor der Waffenstillstand beginnen soll. Am Ende soll es außer Assad und IS niemanden mehr geben. Dann, so auch das Kalkül der Strategen in Damaskus, müsse auch der Westen erkennen, dass es falsch war und ist, Assad aus dem Amt treiben zu wollen.

Anders als im Westen spielen Tod, Zerstörung, Elend und Leid in so einer Kalkulation keine Rolle. Das haben die Russen schon in Tschetschenien bewiesen. Humanitäre Hilfe dient allenfalls als Verhandlungsmasse - obwohl mehr als die Hälfte der syrischen Bevölkerung vom Krieg vertrieben worden ist und zum Überleben auf Unterstützung angewiesen ist.

Illusionär ist es, nun eine Flugverbotszone oder eine Schutzzone für Zivilisten einrichten zu wollen. Das ginge nur gegen Russland, was niemand will. Im Gegensatz zum Westen ist Moskau nicht von Idealen geleitet, sondern verfolgt seine Interessen. Und: Dank des Einsatzes in Syrien hat Russland nach Jahrzehnten wieder Oberwasser im Nahen Osten. Darauf wird Moskau nicht verzichten, auch nicht, um der Europäischen Union in der Flüchtlingskrise zu helfen.

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