Letzte Zuflucht Libanon

Überall im Bekaa-Tal im Osten des Libanon sind kleine Zeltstädte entstanden. Hier haben Syrer in Sichtweite ihrer Heimat Zuflucht vor dem Bürgerkrieg gefunden. Der Gefechtslärm ist selbst hier zu hören. Bild: Jörg Böthling

Im 10 000-Einwohner-Ort Deir al-Ahmar im Libanon haben 10 000 Syrer Zuflucht gefunden. Das katholische Hilfswerk Missio-München unterstützt die christlichen Gemeinden dabei, die überwiegend muslimischen Flüchtlinge zu betreuen.

Das Tal ist ein Touristenmagnet - zumindest war das über Jahrzehnte der Fall. Einfach und spannungsfrei war das Leben für die Christen in den Dörfern und Städten der Bekaa-Ebene aber nie. Das Gebiet zwischen dem Gebirgszug des Libanon, der dem Zedernstaat seinen Namen gab, und den Bergen des Anti-Libanon auf syrischer Seite, ist eine Hochburg der Schiitenmilizen Amal und Hisbollah.

Seit nunmehr fünf Jahren liegt ein dunkler Schatten über dem fruchtbaren Tal im Libanon: der Bürgerkrieg im Nachbarland Syrien. An manchen Orten ist der Gefechtslärm zu hören. Und: Die Gefahr, dass die Horden der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), die sich auf syrischer Seite verschanzt haben, auch den Libanon überrennen ist noch immer nicht gebannt. Wie nah die Bedrohung ist, zeigt der IS-Anschlag in Beirut vom 12. November. Einen Tag vor der Terrorattacke auf Paris ermordeten Selbstmordattentäter in der libanesischen Hauptstadt mehr als 40 Menschen. Der Anschlag hat den Libanesen vor Augen geführt, wie groß die Gefahr ist, dass ihr Land in den Strudel der Gewalt in Syrien gezogen wird.

Zuhause in Zeltstädten

Im Bekaa-Tal haben Zehntausende Syrer, die durch den Bürgerkrieg in ihrer Nahen Heimat vertrieben worden sind, Zuflucht gefunden. Sie leben in kleinen Zeltstädten, die sie auf dem Land derjenigen aufgeschlagen haben, für die sie über Jahrzehnte als Erntehelfer gearbeitet haben, erzählt Barbara Brustlein vom katholischen Hilfswerk Missio-München. Sie reiste Anfang November zusammen mit dem Fotografen Jörg Böthling in den Libanon, um die Hilfsprojekte von Missio zu besuchen.

Die Münchener unterstützen im christlichen Ort Deir al-Ahmar im Bekaa-Tal das Schulprojekt der Schwesternkongregation vom Guten Hirten. Seit neun Jahren bieten die Schwestern libanesischen Kindern Nachhilfe, Schulungen und Förderung. Vor zwei Jahren nahmen sie auch rund 400 syrische Flüchtlingskinder in ihr Programm auf. Anfangs seien diese nur wegen der warmen Mahlzeit gekommen, inzwischen freuen sie sich vor allem über den Schulbesuch, berichtet Brustlein. Die Flüchtlinge haben in Deir al-Ahmar die Bevölkerung verdoppelt. Nun leben an der Seite von rund 10 000 libanesischen Christen gut 10 000 muslimische Syrer. Trotz der angespannten Infrastruktur funktioniere das Miteinander. Der Bürgermeister habe verkündet: "Wir schaffen das."

Libanon mit seinen rund 4,5 Millionen Einwohnern hat je nach Schätzungen bis zu zwei Millionen Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen. Vor allem libanesische Christen fürchten, dass durch sie das ohnehin fragile Gleichgewicht im Zedernstaat erneut aus den Fugen gerät - so wie nach ihrer Meinung durch den Zustrom palästinesischer Flüchtlinge nach 1948. Deshalb gibt es keine offiziellen Flüchtlingslager für Syrer im Libanon. Für Ärger sorgt, dass Syrer für niedrigere Löhne arbeiten, da die Wirtschaft ohnehin am Boden liegt.

Bei den syrischen Flüchtlingen im Bekaa-Tal war eine Flucht nach Europa kein Thema, sagt Brustlein. Sie würden darauf hoffen, eines Tages in ihre alte Heimat hinter den nahen Bergen zurückkehren zu können. Dagegen wollen die irakischen Christen, die vor der Terrormiliz IS in den Libanon geflohen sind, unbedingt nach Europa. Schweden, wo es eine große Exilgemeinde irakischer Christen gibt, aber auch Deutschland seien die Ziele. Insgesamt haben rund 8000 irakische Christen im Libanon Zuflucht gefunden.

Hilfe für irakische Christen

Missio unterstützt rund 1080 irakische Flüchtlingsfamilien. Sie erhalten Lebensmittelpakete, Unterkunft und medizinische Versorgung. Ansprechpartner sind zwei syrische-katholische Priester, die selbst Opfer von IS wurden. Die Terrormiliz hielt sie zunächst im Kloster Mar-Behnam-Sara, 35 Kilometer südöstlich des irakischen Mossul, als Geiseln. Später wurden sie vertrieben und IS sprengte das jahrhundertealte Kloster, wie so viele Kirchen im Irak.
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