Oberpfälzer berichten aus Brüssel
Dem Terror so nah

Die Straße entlang der Metro-Station Maelbeek ist weiträumig abgeriegelt. Ein Terroranschlag erschütterte die Station neben dem Europäischen Parlament und weiteren Einrichtungen der Europäischen Union in Brüssel. (Foto: dpa)
Politik
Deutschland und die Welt
22.03.2016
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Philipp Götzfried. Bild: privat
Brüssel (Belgien): Maalbeek | Von Alexander Rädle und Alexander Pausch

Keiner weiß an diesem Tag, wie es in Brüssel weitergeht. Angesichts der Terroranschläge in ihrer Nachbarschaft versuchen Oberpfälzer, Familien und Freunde zu beruhigen.

Brüssel. Als sich die ersten Nachrichten über die Terroranschläge in Brüssel verbreiten, sitzt David Krása im Auto - auf dem Weg zu seinem Büro beim Nordbahnhof im Zentrum der belgischen Hauptstadt. Kurz zuvor hat er seine Tochter in der Schule abgesetzt, erzählt er am frühen Dienstagnachmittag am Telefon unserer Zeitung. "Ich habe die Nachricht im Autoradio gehört." Krása stammt aus Parkstein (Kreis Neustadt/WN) und leitet den Bereich "Physik und Mathematik" beim Europäischen Forschungsrat.

Dort herrscht wie in allen Einrichtungen der Europäischen Union an diesem Tag Alarmstufe "Orange", die zweithöchste Stufe. Die Gebäude sind abgeriegelt. Nur Mitarbeiter dürfen hinein. Das gilt auch für das Europäische Parlament. Im zwölften Stock des Gebäudes sitzt der Amberger Europaabgeordnete Ismail Ertug (SPD). In einer E-Mail schreibt er am Dienstagvormittag: "Glücklicherweise geht es mir und meinen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen gut. Ich bin gestern Abend schon in Brüssel gelandet. Es hätte aber auch genauso mich treffen können."

Ertug berichtet von Hubschraubern, die über dem Viertel kreisen. "Es kommt niemand mehr rein oder raus, das heißt ich und meine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sitzen momentan im Parlament fest. Draußen ist überall Polizei." Die Metro-Station Maelbeek, die von einem Anschlag verwüstet wurde, liegt westlich des Europäischen Parlaments. Es sind vielleicht 600 oder 700 Meter. Viele, die zum Parlament wollen, nutzen die Station. "Zweimal ums Eck, dann ist man da", sagt Ertug am späteren Nachmittag am Telefon zu unserer Zeitung. "Meine Gedanken und mein Mitgefühl gelten den Angehörigen der Opfer dieses feigen Anschlags." Der Amberger ist in der glücklichen Lage, dass er vom Büro zu seiner Brüsseler Wohnung laufen kann. Für andere in der belgischen Hauptstadt dürfte es an diesem so bitteren Tag schwerer werden, nach Hause zu kommen. Der öffentliche Nahverkehr ruht weitgehend, in den Straßen stauen sich die Autos.

Familie bereits in Portugal


David Krása muss sich durch die verstopften Straßen kämpfen. Er will früh aus dem Büro aufbrechen, um seine Tochter von der Schule abzuholen. An Arbeiten ist an diesem Tag ohnehin nicht zu denken, erzählt er. Die Sorge um Mitarbeiter und Freude prägen Gespräche und Telefonanrufe - soweit letztere im überlasteten Mobilfunknetz überhaupt zustande kommen. Viele nutzen soziale Medien, wie Facebook oder Whats-App, um Kontakt aufzunehmen.

Ein Teil seiner Familie sei zum Glück bereits im Urlaub in Portugal, sagt Krása. Er wollte mit seiner Tochter über die Ostertage ebenfalls nach Portugal - ob das gelingen kann, ist offen. Ähnlich wie Ertug erwartet er nicht, dass der Flughafen schnell wieder öffnet. Der Abgeordnete will deshalb mit dem Auto nach Aachen und vor dort weiter in die Oberpfalz.

Der in Köln studierende Amberger Philipp Götzfried (24) ist erst am Montag in Brüssel angekommen, um Freunde zu besuchen. "Ich bin im Stadtteil Etterbeek und in Sicherheit bei Freunden", schreibt er auf Facebook. Im Chat mit unserer Zeitung berichtet er am Mittag, wenige Stunden nach den Anschlägen: "Die Stimmung ist ziemlich angespannt, weil keiner genau weiß, welches Ausmaß die Anschläge haben. Vor der Wohnung rasen ständig Polizeiautos und Motorräder vorbei, und es hat sich ein riesiger Stau gebildet. Die Leute wollen offensichtlich die Stadt verlassen, aber viele Straßen sind gesperrt und die Grenzen geschlossen."

Wir können nur abwarten und lesen die Nachrichten in den Liveblogs.Philipp Götzfried (24), Student aus Amberg und derzeit in Brüssel

Die Belgier in seinem Umfeld - alles Studenten - seien erstaunlich ruhig geblieben, schreibt Götzfried. "Sie vermuten hinter den Anschlägen Vergeltung für Abdeslam." Gegen Abend werden ihre Vermutungen bestätigt. Die Terrormiliz IS bekennt sich zu den Anschlägen im Herzen der europäischen Hauptstadt.

Auch der Neumarkter Albert Deß (CSU) meldet sich über Facebook. "Nachdem ich so viele besorgte Anrufe und Anfragen bekomme, hier meine Meldung, dass es mir gut geht." Der Europaabgeordnete berichtet von einem jungen Mann aus Portugal, der in Tränen geschildert hätte, dass seine Mutter 15 Minuten vor dem Anschlag in der Eingangshalle des Flughafens gewesen sei. Der Mann selbst "ist aus der Metrostation ausgestiegen und hat hinter sich die Explosion gehört. Meine Anteilnahme gilt den betroffenen Menschen und Familien", schreibt Deß.

Quälende Ungewissheit


Wie es weitergeht, wisse er nicht, schreibt Götzfried. Eigentlich wollten er und ein belgischer Freund am Nachmittag eine Tour ins Stadtzentrum unternehmen. An diesem Mittwoch sollte es per Zug weitergehen nach Gent. "Aber ich weiß nicht, wann die öffentlichen Verkehrsmittel wieder fahren. Wir können nur abwarten und lesen die Nachrichten in den Liveblogs." Der Student beschreibt es als "beklemmendes Gefühl", dem Terror so nahe zu sein. "Ich bin ziemlich angespannt und will nicht glauben, dass das alles wirklich passiert. Aber ich bin in guter Gesellschaft und versuche, optimistisch zu bleiben." Für die unmittelbar Betroffenen hoffe er das Beste.
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Kommentar zu den Terroranschlägen in Brüssel, von Alexander Pausch: "Trotz des Terrors muss die freiheitliche Gesellschaft ihre Werte leben"
2 Kommentare
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Hilde Lindner-Hausner aus Kohlberg | 23.03.2016 | 12:59  
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Maria Estl aus Pullenreuth | 23.03.2016 | 18:13  
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