Reinhard Erös befürchtet Häuserkampf in Kundus
"Unsere Arbeit läuft weiterhin ungestört"

Reinhard Erös, Gründer der Kinderhilfe Afghanistan. Archivbild: wil
Afghanistan ist Reinhard Erös ans Herz gewachsen. Seit beinahe 30 Jahren leidet er mit den Menschen im Land am Hindukusch. Während der sowjetischen Besatzung half er ihnen als Feldarzt. Seit 1998 bauen er und seine Familie mit der Kinderhilfe Afghanistan Schule um Schule auf. Die falsche Politik des Westens ärgert ihn zutiefst, das macht er deutlich.

Mit Kundus ist die erste Großstadt von den Taliban erobert worden. Droht Afghanistan wieder in einem Bürgerkrieg zu versinken? Auch die alten Warlords, die Kriegsherren, stellen wieder öffentlich Milizen auf.

Reinhard Erös: "Unser Afghanistan-Einsatz war erfolgreich. Ich bin sicher, dass die afghanischen Streitkräfte nach unserem Abzug die Sicherheit im Land garantieren", schwadronierte noch vor wenigen Monaten ein deutscher Dreisternegeneral und Sprecher von Isaf. Das Ergebnis sehen wir jetzt. Die Sicherheitslage im ganzen Land, nicht nur im Norden, war seit Beginn Isaf noch nie so dramatisch wie derzeit. "Häuserkampf" in einer Großstadt - Kundus war bis vor kurzem noch in der Sicherheitsverantwortung der Bundeswehr - inklusive der Einsatz der US-Luftwaffe, das gab es in den vergangenen 13 Jahren noch nicht. In einigen Tagen werden wir die Opferzahlen der "Kollateralschäden" wissen. Mazar E Sharif liegt nur 120 Kilometer entfernt. Dort sind 800 unserer Soldaten bislang unzureichend geschützt stationiert.

Andererseits ist in Afghanistan eine junge Generation herangewachsen, die den Bürgerkrieg nicht mehr erlebt hat. Sind diese Männer und diese Frauen die Hoffnung des Landes. Können Sie sich gegen die Taliban und Warlords behaupten?

Erös: Um die Einstellung und Hoffnungen der Jugend mache ich mir keine Sorgen. Das Problem sind die korrupten "Eliten" auf allen Ebenen und die desolate wirtschaftliche und soziale Situation der Menschen. Die von uns schlecht ausgebildeten und unzureichend ausgerüsteten Sicherheitskräfte sind auf mittlere Sicht nicht in der Lage, die Aufständischen wirkungsvoll zu bekämpfen. An all diesen Defiziten trägt die Politik des Westens die Hauptschuld.

In Jalalabad und der Umgebung ist die Terrormiliz Isis aktiv. Kann die Kinderhilfe da überhaupt noch arbeiten?

Erös: Es gibt keinen arabischen IS in Nangahar, sondern - derzeit noch militärisch schwache - pakistanische Taliban, welche aus PR-Gründen unter dem Namen IS agieren. Unsere Arbeit verläuft weiterhin ungestört. Wir bauen dort gerade eine weitere Mädchenoberschule.

Die Zahl der Afghanen, die aus dem Land flieht, steigt. Viele zieht es nach Europa. Kann es gelingen, sie zu integrieren?

Erös: Aus Afghanistan kommen vorwiegend junge unbegleitete Flüchtlinge zu uns. Die Kulturwissenschaft lehrt uns, dass Kinder und Jugendliche leichter zu akkulturieren sind als ältere Menschen. Wenn wir den jungen Afghanen, die zu uns fliehen, nicht nur eine "Willkommens-kultur" bieten, sondern diese umsetzen in eine "Bleibekultur", bin ich optimistisch. Wir müssen mit ihnen nur - mit Herz und Hirn - richtig umgehen. Dann werden sie entweder als Bereicherung bei uns bleiben oder können eines Tages - von uns gut ausgebildet - in ihre Heimat zurückkehren, um am Aufbau ihres Landes erfolgreich mitzuwirken.
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