Sulzbacher leitet Flüchtlingsheim in Berlin
Junge Zuwanderer mit großem Willen

Der Sulzbacher Sozialpädagoge Ulrich Schnabel (Mitte) leistete bereits seinen Zivildienst in Berlin. Heute leitet er eine Flüchtlingsunterkunft für unbegleitete Jugendliche. Bild: privat

Die Zweifel wachsen. Immer mehr Deutsche befürchten, man "könne die vielen jungen Männer vor allem aus dem arabischen Kulturraum" nicht in den deutschen Arbeitsmarkt integrieren. Wie sehen das jene, die täglich mit ihnen zu tun haben?

Berlin/Sulzbach-Rosenberg. Ulrich Schnabel, Sozialpädagoge aus Sulzbach-Rosenberg, leitet als Mitarbeiter des Jugendhilfe-Vereins Trialog eine Flüchtlingsunterkunft für unbegleitete Jugendliche im Berliner Stadtteil Wedding - dort also, wo der Ausländeranteil so hoch ist wie die Toleranzschwelle seiner Bewohner.

"Fast alle haben ein Ziel vor Augen", freut sich der 35-Jährige mit Oberpfälzer Migrationshintergrund über seine aufgeweckten Schützlinge. "Sie sind super motiviert, fragen vom ersten Tag an, ,wann können wir endlich Deutsch lernen?'." Die Senatsverwaltung mietete Ende Oktober ein früheres Jugendgästehaus an.

Das Hostel für die minderjährigen Flüchtlinge ist bis auf den letzten Platz besetzt: 112 Kinder und Jugendliche bis 18 Jahren - rund die Hälfte aus Afghanistan, 40 Prozent aus dem Irak und Syrien, der Rest aus Afrika. "Die meisten flohen vor der unerträglichen Situation in ihrer Heimat", erzählt Schnabel, "manche sollten in Kindermilizen eingezogen werden, bei anderen fehlte schlicht das Existenzminimum zum Leben."

Seelische Wunden


Der Sulzbacher weiß, dass er mit seinen 25 Mitarbeitern, vor allem Sozialpädagogen, aber auch einige Psychologen, nicht alle seelischen Wunden verarzten kann. "Der Bedarf an psychologischer Betreuung ist enorm", beschreibt er die Symptome seiner Schutzbefohlenen: "Erkrankungen aller Art, vor allem Kopfschmerzen, Schlafstörungen, auch Durchfall hat fast jeder - das kommt nicht von ungefähr, die meisten sind durch Erlebnisse zu Hause oder auf der Flucht traumatisiert."

Als er erfuhr, dass wir den Bruder gefunden haben, ist er auf die Knie gefallen - das war das Größte für ihn.Ulrich Schnabel

Aktiv aufarbeiten könne er mit seiner Mannschaft diese Krisenfolgen kaum. "Die Jugendlichen merken, dass sie ein Stück weit angekommen sind, und wir die Grundversorgung gewährleisten - sie kommen mit diesen Geschichten gar nicht zu uns, und ich bin auch ganz froh darum."

Schnabel kommt immer wieder mit Schicksalen in Berührung, die ihn tief bewegen: "Wir hatten einen Jungen aus Nigeria da, als wir einen Anruf aus Ansbach bekamen - eine Sozialarbeiterin hatte herausgefunden, dass er der Zwillingsbruder eines Jungen ist, der in ihrer Jugend-WG wohnt." Die 16-jährigen Brüder hätten sich seit Jahren nicht gesehen, hatten sich bei ihrer Odyssee von Nigeria nach Deutschland aus den Augen verloren. "Als er erfuhr, dass wir den Bruder gefunden haben, ist er auf die Knie gefallen - das war das Größte für ihn."

Es müssen nicht immer die ganz großen Gefühle sein, die den Sozialpädagogen für seinen Einsatz belohnen, der oft erst jenseits der Kernbetreuungszeiten von 7 bis 22 Uhr endet: "Als wir mit den neu eingetroffenen 25 Jugendlichen eine Sightseeingtour durch Berlin machten, standen die mit leuchtenden Augen am Reichstag, vorm Brandenburger Tor, am Potsdamer Platz - für uns ist das alltäglich, für sie das absolute Highlight, für das sie sich überschwänglich bedankten."

Wo gut 100 Jugendliche unter einem Dach wohnen, können Konflikte nicht ausbleiben. "Alles cool", sagt Schnabel, "das bleibt alles im Rahmen." Am Anfang sei vielen nicht klar, dass es für jeden genug zum Essen gebe. "Man muss sich den Teller beim Büfett nicht vollstapeln." Manchmal herrsche Gedränge in der Schlange. "Aber sie haben sich inzwischen daran gewöhnt, dass sie nicht um ihr Brot kämpfen müssen."

Wer das schafft, besitzt einen eisernen Willen, Durchhaltevermögen und die Klugheit, gefährliche Situationen richtig einzuschätzen.Sozialministerin Emilia Müller

Zermürbende Wartezeit


Beim Interview mit einem Psychologen und dem Vertreter der Senatsverwaltung werde versucht, Herkunft, Fluchtgeschichte und Plausibilität der Minderjährigkeit abzuklären: "Das ist nicht immer so einfach", sagt Schnabel, "viele haben keinen Pass. Dann versucht man, sich einen Gesamteindruck zu verschaffen." Die Jugendlichen warteten bis zu vier Monate auf diesen einschneidenden Termin, auch wenn sich der Senat bemühe, die zermürbende Wartezeit zu verkürzen. "Wir versuchen sie so weit wie möglich zusammen mit anderen Initiativen mit Deutschkursen, pädagogischen und Sportangeboten zu versorgen, um ihnen eine gute Wochenstruktur zu bieten."

"Auf den Kids lastet ein großer Druck, bis sie endlich anerkannt werden - das ist ein wichtiger Schritt, weil sie dann von der Jugendhilfe in Obhut genommen werden." Dramatisch werde es, wenn ein Jugendlicher zum "Volljährigen" erklärt wird: "Dann ist plötzlich ein anderes Landesamt zuständig, das ist für die Betroffenen katastrophal." Ungefähr die Hälfte der rund 3000 Jugendlichen, die 2015 nach Berlin gekommen seien, würden anerkannt. "Es gibt aber keine offiziellen Zahlen."

Wer die Prozedur überstehe, sei Feuer und Flamme für den Start in der neuen Heimat: "Wir sind nicht gekommen, um nach einem halben Jahr wieder zu gehen", resümiert Schnabel die Einstellung der bildungshungrigen Neubürger. Obwohl das Haus offen sei, machten sich nur die auf den Weg, die nach Verwandten etwa in Skandinavien suchten.

Niemand könne sich vorstellen, was es bedeute, sich als Kind mit wenig Geld durch Afrika oder Asien, durch Wüsten und Krisengebiete durchzuschlagen - und Kriegsherren, Menschenhändlern oder einfach nur Ausbeutern zu entkommen. "Wer das schafft, besitzt einen eisernen Willen, Durchhaltevermögen und die Klugheit, gefährliche Situationen richtig einzuschätzen", ist auch Bayerns Sozialministerin Emilia Müller von den Talenten der kleinen Flüchtlinge beeindruckt, die sie bei vielen Besuchen in bayerischen Einrichtungen kennengelernt hat.

Und Schnabel ergänzt: "Sie versuchen sich sehr schnell, auf die Gepflogenheiten hier bei uns einzustellen." Das gehe mit deutscher Pünktlichkeit los, über den Wunsch, mit anderen zu kommunizieren, bis zur Neugier auf Land und Leute. "Es ist ergreifend, welche Energie sie an den Tag legen."

Unbegleitete JugendlicheUnbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF) sind Kinder, meistens im Alter von 15-17 Jahren, die ohne eine erwachsene Begleitperson aus ihrer Heimat fliehen. Alleine müssen sie in ständiger Angst um ihr Leben den gefährlichen Weg durch verschiedene Länder bewältigen.
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