Terrorfahnder jagen achten Verdächtigen
Festnahmen in Belgien

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Nach den Anschlägen in Paris suchen die Ermittler weitere Attentäter. Die Terroristen planten ein Blutbad im Fußballstadion beim Testspiel Frankreich gegen Deutschland. Kamen einige als Flüchtlinge getarnt?

Paris/Berlin. (dpa) Nach der schlimmsten Terrorserie in der Geschichte Frankreichs mit fast 130 Todesopfern sind die Ermittler einem möglichen achten Attentäter auf der Spur. Ein Verdächtiger war am Sonntagabend noch auf der Flucht. Die belgische Justiz schrieb den 26-jährigen Mann international zur Fahndung aus, wie die belgische Nachrichtenagentur Belga berichtete. An den Tatorten hatte die Polizei sieben tote Attentäter gefunden. Spuren führen auch nach Belgien in die dortige Islamistenszene.

Bei der beispiellosen Anschlagsserie der drei Terrorkommandos waren am Freitag mindestens 129 Menschen getötet worden, gut 350 wurden teils schwer verletzt. Unter den Toten der minutiös geplanten Terrorserie ist mindestens ein Deutscher. Die Massaker waren nach Ermittlungen eine Aktion der Terrormiliz Islamischer Staat (IS).

Die Selbstmordattentäter hatten ein Blutbad im Stadion Stade de France während des Länderspiels Frankreich gegen Deutschland geplant. Sie wollten eine Bombe in dem mit knapp 80 000 Fans besetzten Stadion zünden. Das sagte der französische Sport-Staatssekretär laut Nachrichtenagentur AFP am Sonntag.

Über drei der mindestens sieben getöteten Angreifer wurden erste Details bekannt. Einer war ein französischer Kleinkrimineller, zwei Attentäter sind womöglich als Flüchtlinge getarnt eingereist. Dies löste eine neue Debatte zur Flüchtlingspolitik aus. In Deutschland wurden die Sicherheitsmaßnahmen deutlich verschärft.

Wie angespannt die Lage in Paris weiter ist, zeigte sich am Sonntagabend: Auf dem Platz der Republik kam es kurzzeitig zu einer Panik, viele Menschen ergriffen die Flucht. Schwer bewaffnete Polizisten waren rund um den Platz aufgezogen, ein konkreter Anlass wurde von der Polizei aber nicht bestätigt.

Am Freitagabend hatten drei Terrorkommandos an sechs Orten in der französischen Hauptstadt nahezu gleichzeitig zugeschlagen. Sie schossen wahllos auf Menschen in Restaurants, in der Konzerthalle «Bataclan» und sprengten sich während des Länderspiels Frankreich gegen Deutschland in der Nähe des Stadions in die Luft. Sieben Attentäter kamen ums Leben. Die Angreifer benutzten Sturmgewehre des Typs Kalaschnikow und trugen identische Sprengstoffwesten.

Der bei den Terroranschlägen getötete Deutsche stammt aus München. Der 28-Jährige habe seit längerem in Paris gelebt, verlautete aus dem Kriseninterventionsteam München. Das deutsche Opfer habe in einem der beschossenen Cafés auf der Terrasse gesessen, berichtete ARD-Korrespondent Mathias Werth unter Berufung auf die deutsche Botschaft in Paris. Unklar blieb, ob es weitere deutsche Opfer gab.

Einer der identifizierten «Bataclan»-Attentäter war ein polizeibekannter Islamist mit französischem Pass. Im «Bataclan hatten die Angreifer während eines Konzerts fast 90 Menschen getötet. Bei den Überresten eines der Selbstmordattentäter vom Stade de France wurde ein syrischer Pass gefunden. Ob es sich um eine gezielt hinterlassene Fälschung handelt, war zunächst offen. Spekuliert wurde, dass dieser Mann und ein weiterer Attentäter als Flüchtlinge getarnt in die EU eingereist sein könnten.

Erneut steht Belgien im Fokus. Zwei der getöteten Attentäter lebten zuletzt im Großraum Brüssel. Es handele sich um Personen mit französischem Pass, wie die Brüsseler Staatsanwaltschaft laut Belga mitteilte. Bei einer Razzia im Brüsseler Einwanderer-Stadtteil Molenbeek wurden am Samstagabend sieben Menschen festgenommen.

Frankreichs Präsident François Hollande sprach von einem «Kriegsakt» des IS. Er will den Ausnahmezustand auf drei Monate verlängern, berichtete die französische Nachrichtenagentur AFP. Er beschloss zugleich eine dreitägige Staatstrauer. Im Internet war eine zunächst nicht verifizierbare Erklärung aufgetaucht, in der sich der IS zu den Anschlägen bekennt. Frankreich wird angedroht: «Dieser Überfall ist nur der erste Tropfen Regen und eine Warnung.»

Im Kampf gegen den IS wollen die USA und Frankreich stärker zusammenarbeiten. Nach Pentagon-Angaben vom Sonntag verständigten sich US-Verteidigungsminister Ashton Carter und sein Amtskollege Jean-Yves Le Drian auf «konkrete Maßnahmen», die das Militär beider Seiten «zur Intensivierung der engen Kooperation ergreifen sollte». Die Top-Wirtschaftsmächte (G20) berieten auf ihrem Gipfel in der Türkei ein schärferes Vorgehen gegen den Terrorismus.

In Deutschland schickt die Bundespolizei verstärkt Einsatzkräfte an die Grenze zu Frankreich, intensiviert Streifen an Flughäfen und Bahnhöfen. Innenminister Thomas de Maizière (CDU) sagte, die Gefährdungslage in Deutschland sei hoch.

Staats- und Regierungschefs in aller Welt richteten sich auf einen verstärkten Kampf gegen den Terror ein. Bundespräsident Joachim Gauck sieht in den Attentaten eine neue «Art von Krieg». Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte dem Nachbarland «jedwede Unterstützung» zu. US-Präsident Barack Obama verurteilte die Anschläge als «abscheulichen Versuch», die Welt zu terrorisieren.

Rätsel gibt ein Mann aus Montenegro auf, der vor gut einer Woche von der Polizei in Oberbayern mit Maschinenpistolen, Handgranaten und Sprengstoff im Auto gestoppt wurde. Angeblich war er damit auf dem Weg nach Paris. Ein Zusammenhang mit den Anschlägen wird geprüft.

Bayern fordert vom Bund die sofortige Verschärfung der Kontrollen an der österreichischen Grenze. Der CSU-Politiker Markus Söder mahnte: «Die Zeit unkontrollierter Zuwanderung und illegaler Einwanderung kann so nicht weitergehen. Paris ändert alles.» Der designierte polnische Europaminister Konrad Szymanski sprach sich für ein Umschwenken bei der Aufnahme von Flüchtlingen aus.