Amberg/Weiden.
"Viele Quereinsteiger"

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(mr) Es ist einer dieser sporthistorischen Momente, bei dem jeder noch weiß, was er zum Zeitpunkt des großen Triumphs gemacht hat: Als Gerd Müller 1974 Deutschland zum WM-Titel schoss. Als Andy Brehme 1990 den entscheidenden Elfmeter gegen Argentinien verwandelte. Als 1985 der Mythos Boris Becker geboren wurde ...

Am Dienstag jährt sich der Tag des ersten Endspielsieges in Wimbledon zum 30. Mal. "Das war auch für das Tennis hier ein ganz großer Moment", blickt Harry Lohse, der seit Jahren den TC Grün-Rot Weiden führt, immer noch begeistert zurück. "Danach hat ein richtiger Boom eingesetzt." Johannes Deppisch, der Vorsitzende des Oberpfälzer Tennisverbandes, ist weniger euphorisch: "Becker hat die deutsche Tennisszene auch positiv verändert." Ein Satz, der Interpretationen offen lässt. Eine davon: Becker habe auch Fehler gemacht, meint der Neumarkter.



Für Lohse hatte der überraschende Erfolg des jungen Leimeners auf Londons heiligem Rasen auch für das Oberpfälzer Tennis Folgen. Viele Klubs seien danach gegründet worden. Nicht nur Kinder und Jugendliche hätten Tennis gespielt. "Auch die Älteren. Es gab viele Quereinsteiger", sagt Lohse, der mit 73 Jahren immer noch fester Bestandteil der Bayernliga-Mannschaft 60 von Grün-Rot ist. Viele kleinere Gemeinden hätten Tennisplätze gebaut. Dafür gab es auch staatliche Zuschüsse. Lohse konstatiert: "Tennis war über Nacht eine In-Sportart geworden." Der Schirmitzer sieht aber auch die Kehrseite: Die Anlagen seien nun da, "aber die Kinder und Jugendlichen laufen einem nicht mehr die Türen ein". Heutzutage zehre man nur noch ein bisschen vom Boris-Erfolg. Die Oberpfalz sei, was das Tennis betreffe, aber immer noch gut aufgestellt. So gebe es in Weiden viele Teams, die überregional spielten. Nicht mehr in die Zeit des Becker-Booms fällt der ATU-Cup in Weiden, der ab Mitte der 90er-Jahre internationale Stars an den Hammerweg lockte. French-Open-Sieger Gustavo Kuerten war da, Tommy Haas oder Tomas Berdych. Lohse und seine Mitarbeiter mussten nach zehn Turnieren passen: "Das kostet alles ungemein viel Geld." Geld, das nicht mehr da war. Auf der Turnier-Landkarte ist die nördliche Oberpfalz aber weiter mit dem Dreikönigsturnier in Tirschenreuth vertreten.

"Der große Tennis-Boom hat schon vor Becker eingesetzt", sagt Bezirksvorsitzender Deppisch. Als die Generation der Fußballer in den 50er, 60er Jahren zu alt geworden war, dem Leder nachzujagen, hätten sie das Spiel mit der Filzkugel für sich entdeckt. Es gebe auch Studien, dass der erste Becker-Erfolg in Wimbledon dem deutschen Tennis keine großen Zuwächse gebracht habe. Fakt ist aber, dass die Zahl der Mitglieder im deutschen Verband nach Beckers erstem Erfolg 1985 von 1,66 Millionen auf 2,1 Millionen im Jahr 1989 gestiegen ist.

Oberpfälzer Talente

Deppisch ist heute noch zwiegespalten. "Boris hat mit seinen 17 Jahren etwas Wunderbares erreicht", sagt der 59-Jährige. "Vieles wurde und wird aber auch übertrieben dargestellt." Becker sei vom Sportsmann zum Showman geworden. "Ich denke, er hatte nach Tiriac falsche Berater." Der junge Wimbledon-Sieger hätte auch viel mehr für den Nachwuchs machen können. "Okay, er hatte das Mercedes-Junior-Team, aber er hätte viel mehr in die kleinen Vereine gehen müssen." Von den Talenten, die es heute auch in unserer Region gebe, "denkt keines mehr an Becker": Den Effekt gebe es schon lange nicht mehr. Dennoch ist Deppisch zufrieden, wie sich der weiße Sport zwischen Donau und Stiftland entwickelt hat. Es gebe viele Talente, sagt er, und nennt etwa die Weidener Ruppert-Schwestern oder Sebastian und Albert Wagner aus Amberg.

Amberger die Besten

Dass die Oberpfalz schon vor Becker eine Tennis-Hochburg war, lässt sich auch mit Titeln belegen: Der TC Amberg am Schanzl holte von 1978 bis 1982 fünf seiner sechs deutschen Meisterschaften. Zu der Zeit von Karl Meiler, Werner Zirngibl oder Petr Strobl übte "Bobbele" noch fleißig im Nachwuchsleistungszentrum.

Dennoch ist Becker der größte deutsche Tennisspieler. "Ich war gerade auf dem Rückweg mit meiner Frau aus Paris", erinnert sich Deppisch an das Finale von 1985. "Auf der Höhe von Reims verwandelte Boris den Matchball." Im Radio. "Schade, dass ich es nicht am Fernseher gesehen habe." Harry Lohse hat das Endspiel auch nicht live gesehen, war mit seinem Tennisteam auf der Rückfahrt von einem Spiel in Hof. "Wir haben das Finale im Radio verfolgt. Als er den Matchball verwandelte, war der Jubel im Auto unbeschreiblich." Der langjährige Tennis-Funktionär hat sich die Begeisterung bewahrt. "Ich hoffe, dass mal wieder so jemand wie Boris kommt", sagt Lohse. "Das wäre wichtig fürs deutsche Tennis." Deppisch bräuchte das nicht unbedingt: "Eine neue Steffi Graf wär' mir lieber."
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