Beim 0:2 in Duisburg machen die Regensburger eine nackte Raupe
Galgen-Humor der Jahn-Fans

Kevin Scheidhauer war für die Regensburger Abwehr meist zu quirlig. Bilder: dpa/Herda
 
Kevin Scheidhauer war für die Regensburger Abwehr meist zu quirlig. Bilder: dpa/Herda
 
Michael Gardawski staubt zum 1:0 ab.
 
Hatte wenig zu lachen: Jahn-Trainer Christian Brand.

Und ewig grüßt der Pleitegeier: Das kennt man noch von der Zweiten Liga: Wie erklärt man die nächste Niederlage des Tabellenletzten? Dass es zwei Jahre nach dem Abstieg aus dem Fußball-Unterhaus für den SSV Jahn in der Dritten Liga wieder so weit ist, war vermeidbar. Das trostlose 0:2 in Duisburg, die achte Auswärtsniederlage in Folge, trauriger Vereinsrekord – alles hausgemacht.

10.081 Zuschauer in der Schauinsland-Reisen-Arena in Duisburg sehen nur eine kurze Phase tapferen Widerstands des Tabellenletzten aus Regensburg. SSV-Trainer Christian Brand musste verletzungsbedingt wieder an einigen Stellschrauben drehen: Markus Palionis, Gino Windmüller und Matthias Dürmeyer bilden eine mutige Dreierkette. Grégory Lorenzi übernimmt wort- und gestenreich die Rolle von Lukas Sinkiewicz. Jonas Erwig-Drüppel, Oli Hein, Andi Güntner und Uwe Hesse sollen die Offensive ankurbeln und Daniel Steininger und Aias Aosman endlich wieder in Torlaune versetzen.

Das ist der Plan und Andi Güntner ist von der ersten Minute an anzusehen, dass er es eilig hat: Beim Rückpass auf Stephan Loboué springt der Ball freilich so lebensgefährlich über den Acker, dass Eile mit Weile das bessere Rezept wäre (3.). Gregory Lorenzi wirkt in seiner neuen Rolle sehr präsent und ist zur Stelle als Matthias Dürmeyer nach langer Pause nach einem Ballverlust auf seiner linken Seite doch erheblich Nerven zeigt (6.).

Unterkante Latte, Gegentor

Gute-Laune-Bär Christian Brand ist an der Seitenlinie immer mit dabei, wenn das massierte Mittelfeld ab der Mittellinie presst, und Oli Hein zu einem Dribbling auf der rechten Seite ansetzt – Foul an der Strafraumgrenze, gute Freistoßposition: Und dann sehen wir die erste gefährliche Standardvariante seit Alfred Steinkirchners Rücktritt. Aias legt zurück, Hesse zieht aus 20 Metern ab, die Kugel knallt an die Unterkante der Latte. Wieder kein Tor (9.).

Wie man’s besser macht, zeigt dann natürlich der MSV. Nach überflüssigem Ballverlust im Mittelfeld geht Zlatko Janjic über rechts, flankt nach innen, Kevin Scheidhauer ist zunächst zu schnell für den Ball oder umgekehrt, aber die Kugel passiert den geschlagenen Loboué, und Michael Gardawski erfreut sich seines Alleinstellungsmerkmals und hat keine Mühe, das Ding über die Linie zu drücken, 1:0 (13.). Anschließend ist der MSV so richtig am Drücker: Gardawski wieder auf der linken Seite schlenzt knapp am Pfosten vorbei (17.).

Der Steininger-Drüppel-Tausch

Die Roten versuchen sich ja durchaus zu wehren, aber im Aufbau landet spätestens der dritte Ball beim Gegner – Direktspiel in Ehren, aber nicht bei dieser Fehlerquote. Mal versucht Aias Aosman, der sich immer wieder zurückfallen lässt, um sich die Bälle selbst zu holen, mit einem Pass das Angriffsspiel in Schwung zu bringen. Dann läuft der bemühte Steininger ins Abseits (23.).

Hesse und Erwig-Drüppel haben die Seiten getauscht, vielleicht kann Brand die Zebras mit dieser Finte überraschen – der Trainer, die Kapuze tief im Gesicht, diskutiert mit seinem Duisburger Pendant Gino Lettieri. Gründe dafür sind von hier nicht auszumachen. Erste Frucht des Seitenwechsels: Steininger mit Sahnepass auf Erwig-Drüppel, der sich auf seiner neuen rechten Seite endlich mal ein Herz zum Abschluss fasst – Keeper Michael Ratajczak bringt die Fäuste am kurzen Pfosten hoch, schade (34.).

Übermannschaft – Untermannschaft

Es ist nicht gerade so, dass der MSV hier ein Feuerwerk zündet – von wegen Übermannschaft, die es laut Brand in dieser Liga nicht gibt. Aber wer solche Ballverluste produziert, ist in Gefahr, sich zur Untermannschaft degradieren zu lassen: Oli Hein verliert nach unpräzisem Zuspiel den Ball, dann geht’s schnell auf Kingsley Onuegbu, der frei vor Loboué auftaucht – der Jahn-Keeper wäre zur Stelle, aber Drittliga-Schiri-Neuling Matthias Jöllenbeck (Freiburg) entscheidet zu Recht auf Abseits (35.).

Ein Beleg für die Hilflosigkeit der Gäste: Aias Aosmans Harry-Gfreiter-Gedenkschuss aus 40 Metern – klar hat er da Ratajczak etwas weit vorm Kasten gewähnt, aber das Schüsschen ist nicht einmal dazu geeignet, den fast beschäftigungslosen Heimtormann warm zu schießen. (40.). Zeit für eine neue Pausenstrategie.

Nach drei Minuten alles Makulatur

Was immer sich die Jungs in Bordeaux-Rot in diesem Viertelstündchen vorgenommen haben, nach drei Minuten Realität auf dem Rasen ist alles Makulatur. Der heute einfach überforderte Matthias Dürmeyer ist beim Doppelpass zwischen Onuegbu und Scheidhauer am 16er eigentlich schon am Ball, lässt ihn sich aber vom Nigerianer wieder abluchsen und fehlt dann auf seiner Abwehrseite – wo erneut Onuegbu auftaucht und zum 2:0 einschiebt (48.).

Die Regensburger wirken jetzt reichlich bedröppelt. Nach Freistoß taucht erneut Onuegbu völlig frei vor Loboué auf, der in solchen 1:1-Situationen seine Stärken hat und rettet (53.). Und wenn du kein Glück hast, kommt eben auch noch das Pech dazu: Ohne ersichtliche Feindeinwirkung fasst sich Lorenzi mit Schmerz verzerrtem Gesicht in den Schritt und muss aufgeben. Der zweite Stabilisator also auch noch auf der Bank. Für ihn kommt jetzt Andi Geipl im Spiel.

„Nur die Schuhe an“

Die Zuschauer müssen sich bei diesem nasskalten Wetter hier im Ruhrpott mit sich selbst beschäftigen: Das Spiel bietet derzeit wenig Erwärmendes. Und so kassieren die Regensburger Ultras für die blitzsaubere Performance einer fast nackten Raupe durch die reichlich geräumigen Gästereihen Szenenapplaus der gut gelaunten Duisburger. „Nur die Schuhe an, nur die Schuhe an“, schallt es aus Tausenden Kehlen zurück.

Nach gut einer Stunde hat der Trainer ein Einsehen mit Dürmeyer, der sich auf seiner Seite nicht anders zu helfen weiß, und den davon geeilten Gegenspieler von den Beinen holt – Brand holt seinerseits den Gelb-verwarnten Abwehrspieler vom Platz und schickt Fabian Trettenbach ins Geschehen. Recht viel besser wird das Spiel deshalb erst mal noch nicht.

Planvoll wie am Bolzplatz

Mal holt Hesse eine Ecke heraus (61.), die nach Aosmans Flanke wieder im Niemandsland landet. Es folgen kopflose Aktionen, etwa wenn Steininger ganz allein in der Mitte die Kugel nicht behaupten kann. Und schließlich fügt sich Geipl mit schlampigem Ballverlust ins Bild (65.). Duisburg tut gerade mal das Nötigste und produziert dennoch die nächste gefährliche Situation: Janjic schickt Grothe auf links, dessen scharfe Flanke in die Mitte kann Onuegbu nicht verwerten (67.).

Die Angriffe des Abstiegskandidaten Nummer 1 wirken jetzt so planvoll wie am Bolzplatz. Deshalb ringt sich Brand zum nächsten Wechsel durch und gibt Bene Schmid die nächste Chance, mal eine 100-Prozentige ins Netz zu katapultieren – am jungen Steininger, der weichen muss, hat’s sicher nicht gelegen, dass hier kaum noch was zu holen ist (70.).

Bene Unglücksrabe

Dabei hätte der SSV durchaus Gelegenheit, das Spielgerät aussichtsreich vor das Duisburger Gehäuse zu transportieren. Aosmans Freistoß aus 40 Metern landet in den Armen von Ratajcak. Immerhin, Schmid belebt das Spiel, kommt über rechts, seine Flanke aber etwas zu kurz. Noch einmal die fast identische Szene, diesmal schickt Schmid Hein an der rechten Außenbahn, dessen Flanke zischt leer durch den Strafraum (72.). Die Lücken zwischen den Mannschaftsteilen sind einfach zu groß, im Rückraum lässt sich bei Flanken einfach kein Roter mehr blicken.

Und dann ist er wieder da, Bene Unglücksrabe: Ein überraschender Ball in die Gasse auf Schmid, der am letzten Mann vorbei allein vorm Keeper auftaucht – doch der bekommt noch die Fußspitze an den Ball, wieder Pustekuchen (80.). Hesse bekommt 30 Meter vorm Tor im Fallen die Fußspitze noch an den Ball, kann Hein rechts schicken, seine Flanke schwirrt durch den Strafraum, Güntner kommt von links angerauscht, nimmt den Ball direkt – aber Ratajcak pariert stark.

Vertane Großchancen im Schlusspurt

Schließlich bekommt auch noch Gino Windmüller seine obligatorische Kopfballchance, gute Flanke aus dem Halbraum, Gino springt am höchsten, wieder bleibt der Zebra-Goalie Sieger. Und zu schlechter Letzt spielt sich auch noch Fabi Trettebach im 16er prima frei, aber dann verspringt ihm der Ball in bester Position – da kann er nur noch den Kopf über so viel Pech und geradezu Regensburger Bodenverhältnisse schütteln (89.).

Auf der Gegenseite noch ein schneller Konter über den für Gardawski eingewechselten Fabian Schnellhardt, der Onuegbu rechts bedient, quer gelegt auf Christopher Schorch – Loboué erschreckt den jungen Mann, hält und tut sich im Fallen weh. Die Zuschauer, die hier angesichts der Großchance Schauspielerei wittern, pfeifen, Loboué hadert und sieht Gelb (93.). Kein schöner Schlussakkord.

„Mir ganz egal, ob neues Stadion, altes Stadion“

„Die Treffer sind zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt gefallen“, versucht sich SSV-Trainer Christian Brand an der Erklärung des Unerklärbaren. „Dann hast du als Letzter so einen Lattenschuss, da hätte ein Tor natürlich auch mal gut getan.“ Nach dem frühen Rückstand sei die Verunsicherung natürlich gleich wieder greifbar gewesen.

Was kann man da noch tun? „Trainieren, trainieren, trainieren“, schlägt Brand vor, „immer wieder gut zustellen.“ Ob er angesichts der anhaltenden Pleiteserie noch ernsthaft an ein Wunder fürs neue Stadion glaubt? „Mir ganz egal, ob neues Stadion, altes Stadion, mir ist nur wichtig, wie wir mit der Mannschaft weiterkommen.“ Die nächste Chance zum kleinen Wunder bietet sich am Samstag, 14 Uhr, gegen die Stuttgarter Kickers (5./32 Punkte).