Beschädigt bereits vor dem Auftakt

Nach dem 100-Meter-Finale der Olympischen Spiele in London jubelte Usain Bolt, Justin Gatlin (links) wurde Dritter. Der US-Amerikaner möchte bei der WM in Peking den Spieß umdrehen. Allerdings: Mehr denn je läuft der Dopingverdacht mit. Bild: dpa

Am kommenden Samstag beginnt in Peking die Leichtathletik-WM. Aufgrund der jüngsten Doping-Enthüllungen ist dieses sportliche Großereignis schon beschädigt, bevor es überhaupt angefangen hat.

Zu den immer neuen Doping-Enthüllungen in seinem Sport hat der bisherige Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes bislang vor allem zwei Dinge gesagt. Die Berichterstattung sei "hysterisch", der Anti-Doping-Kampf seiner IAAF dagegen "außergewöhnlich", meinte der Senegalese Lamine Diack zuletzt. Aufgrund solcher Aussagen spricht der deutsche Diskusstar Robert Harting inzwischen von einer "riesigen Lücke": zwischen vielen Funktionären der IAAF auf der einen und vielen Athleten und treuen Fans der Leichtathletik auf der anderen Seite. Denn die Realität ist: In Peking beginnen an diesem Samstag Weltmeisterschaften, die schon vor der Eröffnungsfeier im "Vogelnest"-Stadion hinterfragt werden.

Vertrauensverlust enorm

Seit mehreren Monaten wird die olympische Kernsportart nun schon von Doping-Vorwürfen erschüttert. Bei den Großereignissen zwischen 2001 und 2012 soll laut ARD-Recherchen jeder dritte Medaillengewinner in den Ausdauer-Disziplinen doping-verdächtige Blutwerte gehabt haben. Die IAAF leitete kurz darauf Ermittlungen gegen insgesamt 28 Athleten ein, die bei der WM 2005 und der WM 2007 auffällig wurden. Der Vertrauensverlust der Leichtathletik ist immens. Wem kann man noch trauen? Welche Leistungen in Peking werden noch auf legalem Weg zustande kommen und welche durch Manipulation? Das sind mittlerweile die ersten Fragen, die sich viele Fernsehzuschauer vermeintlich stellen.

"Ich will nicht, dass die Leichtathletik so endet wie der Radsport", sagte die deutsche Diskuswerferin Julia Fischer kurz vor ihrem Abflug nach China. "Manchmal hat man das Gefühl: Bei der IAAF sitzen Dinos, die glauben, dass man mit Geld und der Bezahlung der richtigen Leute alles erreichen kann."

Was die Leichtathletik immerhin noch unterscheidet von den Dopingskandalen im Radsport: Hier sind es die Athleten selbst, die gegen die Verseuchung ihres Sports und die ihrer Meinung nach viel zu tatenlosen Funktionäre aufbegehren. Zusammen mit ihrem Freund, dem in Peking fehlenden Robert Harting, hat Fischer einen Video-Protest gegen den Weltverband gestartet. WM-Stars wie der Stabhochspringer Renaud Lavillenie aus Frankreich oder der Weitspringer Greg Rutherford aus Großbritannien unterstützten die Aktion sofort.

Die Doping-Debatte wird bei dieser WM trotzdem allgegenwärtig sein. Siehe auch das Beispiel Usain Bolt. Ob der Superstar aus Jamaika noch rechtzeitig fit wird oder überhaupt starten kann, wäre normalerweise die alles dominierende Frage der vergangenen Wochen gewesen. So geriet sogar der achtfache Weltmeister und sechsmalige Olympiasieger über 100, 200 und 4 x 100 Meter in den Hintergrund. Ein Bolt ohne Wettkampfpraxis hat diesmal sogar ernsthafte Konkurrenz. Aber schon ist man wieder beim Dauerthema Manipulation: Denn der seit 2013 unbesiegte Justin Gatlin (USA), der frühere Weltmeister Tyson Gay (USA) und der frühere Weltrekordhalter Asafa Powell (Jamaika) sind alle wegen Dopings vorbestraft. Der Verdacht läuft immer mit.

Platz unter den Top 5

Und die deutsche Mannschaft? Die will mit einem erneut verjüngten Team "einen Platz unter den Top 5 der Nationenwertung erreichen", wie Thomas Kurschilgen der Deutschen Presse-Agentur verriet. Der Sportdirektor des DLV sagt aber auch: "Das ist ein sicherlich immer schwieriger zu realisierendes Ziel in einem Spitzensport, der sich immer weniger manipulationsfrei zu entwickeln scheint und damit keine Chancengleichheit mehr für die sauberen Athleten gewährleisten kann."

Neben vielen Zukunftshoffnungen wie Speerwerfer Thomas Röhler oder Weitspringerin Lena Malkus sind in Peking auch noch drei von vier Moskau-Weltmeistern dabei: Speerwerferin Christina Obergföll, Kugelstoßer David Storl und Stabhochspringer Raphael Holzdeppe. Allerdings hat Obergföll gerade erst eine Babypause hinter sich. Bei den Olympischen Spielen 2008 gewann die 33-Jährige die damals einzige Medaille für die deutschen Leichtathleten. Bei der Rückkehr ins "Vogelnest" soll nun etwas mehr herauskommen. "Ich denke, dass wir diesmal vom Potenzial her breiter aufgestellt sind", sagte Cheftrainer Idriss Gonschinska.
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