Blatters Feldzug geht weiter

Fifa-Boss Joseph Blatter setzt die Attacken fort. Und zieht Franz Beckenbauer in den Konflikt mit seinen Rivalen hinein. Eine Strategie für einen Wandel im skandalerschütterten Weltverband lässt er nicht erkennen. Stattdessen geht er mit der Familie shoppen.

Nach wilden Tiraden gegen die USA und die Uefa hat Fifa-Präsident Joseph Blatter den Verbal-Feldzug gegen seine Widersacher fortgesetzt. Seinen Freund Franz Beckenbauer benutzte er dabei als vermeintlichen Kronzeugen für einen Frontalangriff gegen die Spitze des deutschen Fußballs. "Ich habe mit Franz Beckenbauer telefoniert. Er sagte mir, er jedenfalls habe den deutschen Verbandspräsidenten zusammengefaltet, weil der gegen mich stimmte", sagte Blatter der Schweizer Zeitung "Sonntagsblick".

Beckenbauer und der damit massiv angegangene DFB-Chef Wolfgang Niersbach dementierten den kompromittierenden Vorwurf umgehend. "Ich habe mit Wolfgang Niersbach freundschaftlich diskutiert. Von Zusammenfalten kann überhaupt keine Rede sein", sagte Beckenbauer. Niersbach, seit Freitag Mitglied in dem vom weltweit kritisierten Blatter angeführten Fifa-Exekutivkomitee, ließ über DFB-Mediendirektor Ralf Köttker verlauten: "Keine Ahnung, wie Blatter auf sowas kommt, ein Telefonat mit dem Inhalt hat überhaupt nicht stattgefunden."

Mit den obskuren Anschuldigungen aus der Schweiz setzte Blatter am Sonntag sein unsouveränes Gebaren nach der Wiederwahl zum Fifa-Boss fort. Eine Strategie für den Weg aus der größten Krise des Weltverbandes nach dem jüngsten Korruptionsskandal gab der 79-Jährige nicht vor. Schon bei der Pressekonferenz am Samstag hatte sich Blatter zu Beginn seiner fünften Amtszeit mehr mit der Verunglimpfung der Konkurrenten aufgehalten.

Mit Verschwörungstheorien und drohenden Worten attackierte er die US-Justizbehörden sowie die Europäische Fußball-Union um Michel Platini und Niersbach. Vor der Weltpresse legte er einen dünnhäutigen Auftritt hin. Ob er Sorge habe, angesichts des Korruptionssumpfs irgendwann selbst hinter Gitter zu müssen? "Verhaftet, wofür? Nächste Frage", beschied Blatter und verabschiedete sich nach den wohl aufwühlendsten Tagen seiner Dauerherrschaft in ein freies Wochenende mit der Familie.

Die nächsten offiziellen Termine des Fifa-Chefs sollen erst zu Wochenbeginn koordiniert werden. Sicher ist allerdings, dass er nicht zum Eröffnungsspiel der Frauen-WM am Samstag nach Kanada fliegen wird. Erst zum Finale am 5. Juli will er in Vancouver dabei sein. Ein pikanter Termin, denn die USA haben mit ihrem nördlichen Nachbarland eine enge Justiz-Kooperation. Eventuell könnte Blatter zu den Vorgängen um seine in Zürich festgenommenen Ex-Stellvertreter Jeffrey Webb und Eugenio Figueredo befragt werden.

Im Gefühl der Genugtuung über den Wahlerfolg legte sich der Schweizer sofort mit seinen Lieblingsfeinden an. Uefa-Chef Michel Platini habe ihm bei einem Vier-Augen-Gespräch am Donnerstag vorgeschlagen, "einen guten Whisky unter Freunden" zu trinken. "Und dann meinte er allen Ernstes: 'Sepp, du machst den Kongress und am Schluss gibst du bekannt, dass du zurücktrittst. Du bekommst ein gigantisches Fest und dein Büro hier bei der Fifa kannst du behalten'", berichtete Blatter. Eine Platini-Reaktion hierzu gab es vorerst nicht.

Obwohl die Europäer bei der Sitzung des Exekutivkomitees am Samstag mit der Bestätigung der WM-Startplätze für 2018 und 2022 zumindest keine fußballpolitische Niederlage hinnehmen mussten, spitzt sich der Konflikt weiter zu. "Ich vergebe jedem, aber ich vergesse nicht", sagte Blatter zu den direkten Rücktrittsforderungen von Platini.
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