Blatters Umschlag: Hatte Marokko für die WM 2010 mehr Stimmen als Südafrika?
Ein ungeheuerlicher Vorwurf

Der entscheidende Moment: Im Mai 2004 rief Fifa-Präsident Joseph Blatter Südafrika als WM-Gastgeber 2010 aus. Jetzt kursieren Gerüchte, Marokko hätte eigentlich die Abstimmung gewonnen. Bild: dpa
Bankbelege aus der Karibik und geheime Video-Aufnahmen mit einer dubiosen Fifa-Figur aus Botswana fördern immer neue Details um offensichtlich massive Bestechungspraktiken rund um die Vergabe der WM 2010 an Südafrika zutage. Auch der Name des scheidenden Fifa-Präsidenten Joseph Blatter taucht nun angeblich in einem hochrangigen E-Mail-Verkehr Richtung Südafrika auf. Beim Fußball-Weltverband ist von der erhofften Ruhe nach der Rücktrittsankündigung Blatters jedenfalls nichts zu spüren.

"Kein Kommentar", hieß es am Sonntag aus dem Hauptquartier in Zürich. Alle Aspekte der neuen Anschuldigungen bis hin zu einer angeblich manipulierten Auszählung der WM-Stimmen zugunsten Südafrikas seien derzeit nicht zu bewerten. Offensichtlich arbeitet die Fifa-Rechtsabteilung intensiv an einer Beurteilung der Sachlage, denn im Zuge der Ermittlungen der US-Justiz geht es für die Fifa womöglich auch um die Vermeidung einer hohen Millionen-Geldbuße aus den USA.

Eine brisante E-Mail

Berichte aus Südafrika verheißen auch für Blatter nichts Gutes. Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke soll im Jahr 2007 per E-Mail bei der Regierung am Kap angefragt haben, wann mit der Zahlung von zehn Millionen Dollar zugunsten der Concacaf-Konföderation zu rechnen sei. Die südafrikanische Zeitung "Sunday Times" behauptet, dass Valcke in seinem Schreiben darauf verwiesen habe, dass Blatter und Südafrikas damaliger Staatschef Thabo Mbeki in die Diskussionen um die Zahlung eingebunden gewesen seien.

Das würde erstmals den Namen Blatters konkret mit der dubiosen Zahlung in Verbindung bringen. Laut US-Justizermittlern handelt es sich bei dem Geld um Bestechungszahlung an Fifa-Funktionäre, darunter die Exekutivmitglieder Chuck Blazer, der geständig ist, und Jack Warner, der jede Vorteilsnahme leugnet. Die Fifa beharrt darauf, dass die zehn Millionen Dollar eine legale Hilfsmaßnahme für den Fußball in Mittelamerika seien.

Kaum glaubwürdig

Besonders brisant ist aber ein Under-Cover-Video der englischen Zeitung "The Sunday Times". Darin äußert das vor fünf Jahren über Betrugsvorwürfe gestolperte ehemalige Fifa-Exekutivmitglied Ismail Bhamjee einen bislang nicht gekannten Vorwurf. Die Behauptung des Mannes aus Botswana: Bei der WM-Vergabe an Südafrika 2004 hatte eigentlich Marokko die Stimmenmehrheit im Fifa-Exekutivkomitee. Dies hätten Gespräche im Funktionärszirkel nach der Abstimmung belegt. Doch dann zog Blatter den Zettel mit seinem Favoriten, Südafrika, aus dem Sieger-Umschlag. Als Zeuge genießt Bhamjee aber nicht den höchsten Grad an Glaubwürdigkeit. Er war dicht verstrickt in Betrugsdelikte der Fußball-Macher. Von der WM 2006 in Deutschland wurde er wegen illegaler Ticket-Verkäufe nach Hause geschickt. Vor der WM-Vergabe 2010 wurde er wegen Bestechungsvorwürfen suspendiert, auf eine Berufung verzichtete er.
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